Nach Australien wollte ich unbedingt mal irgendwann. Das Land sehen, in dem die gefährliche Trichternetztspinne lebt. Über sie hatte ich zum ersten Mal vor vielen Jahrzehnten in eine kurze Notiz in der Zeitschrift Sputnik gelesen. Boah eine Giftspinne, die es schafft durch die Spitze eines Turnschuhes zu beißen. Das  erschreckte mich ebenso, wie es mich gleichzeitig faszinierte. Irgendwann wusste ich, dass ich so ein Lebewesen aus der Nähe sehen wollte. Im Berliner Zoo oder im Tierpark gibt es keine Funnel Webs.

Also auf nach Australien.

Ich hatte lange Zeit keine Ahnung, wie ich das Geld für eine Reise ins Land dieser Spinne zusammen bekommen sollte.

Eines Tages kam mir mein Arbeitgeber zu Hilfe. Er schloss aus Kostengründen den Laden, in dem ich zwanzig Jahre als Verkäufer gearbeitet hatte. Mir wurde eine gute Abfindung gezahlt und Zeit hatte ich plötzlich auch für diese Reise.

Kaum hatte ich von meiner künftigen Freistellung erfahren, begann ich im Internet nachzuforschen, wo in Australien die größte Chance für mich bestand, den Lebensraum der Funnelwebspider aus nächster Nähe anzuschauen.

Überraschenderweise lebt die gefährlichste Art dieser Trichternetzspinne im Großraum von Sydney.

Ich fand auch heraus, dass es weniger als zwei Zugstunden entfernt von Sydney eine Art Zoo gibt, in dem lebenden Funnelwebs gehalten werden. Es ist der Reptile Park in Somersby, das nur zehn Kilometer entfernt von der Kleinstadt Gosford liegt. Jetzt wusste ich, wie ich meine Reise zu planen hatte. Ich würde zunächst zwei Tage in einem billigen Hotel in Sydney übernachten, um mich vom Jetlag zu erholen. Dann würde ich mit dem Zug weiter nach Gosford fahren und in den folgenden drei Wochen abwechselnd Ausflüge zum Reptile Park nach Somersby machen und einige Vororte Sydneys besuchen.

In den letzten Jahren waren Funnelwebspiders vorwiegend an folgenden Orten häufiger entdeckt worden.

Frenchs Forest, Balgowlah Heights und auf dem Hornsby Platoe. Alles ganz in der Nähe von Sydney.

Es gibt jede Menge Fotos von diesen Orten. Auch diese ganz neuen komfortablen auf Googlemaps. Hier kann man gut virtuelle Spaziergänge durch diese Gegenden machen. Was man auf diesen Bildern zu sehen bekommt, sind meistens typische von Menschen bewohnten Vororte mit zweistöckigen Familienhäusern ordentlichen Wegen, beschaulichen Straßen und angelegten Blumenbeeten, Wiesen und Hecken. Man sieht auch überall Rindenmulch herum liegen, aber der sieht eher angeordnet aus, wie Streugut aus dem Legoland.

Menschen haben diesen ihren Lebensraum in den der giftigen Tiere gebaut. Rein optisch ist eine solche Umgebung kaum von dem zu unterscheiden, was es fast überall am äußeren Rand von Großstädten gibt, abgesehen von den Bäumen und Pflanzen, die natürlich an  Australiens Ostküste anders aussehen als zu Hause in Deutschland.

 

Die Entscheidung war gefallen. Eine Freundin die gut im organisieren ist, stellte mir meine Flüge zusammen und buchte die Hotels für mich. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Es ist noch gar nicht lange her, da war der Gedanke, wieder in ein Flugzeug zu steigen äußerst unangenehm für mich. Der normalen Flugangst stand nämlich irgendwann in meinem Leben ein Sortiment an Panikattacken wegen Platzangst  zur Seite, die mir besonders das Reiseleben ordentlich erschwerte.   

Eine Freundin von mir, die als Suchtberaterin in Berlin arbeitet hatte mir bei einem persönlichen Gespräch etwas über Panikattacken verraten, das mir zumindest bei meinen eher kurzen Flügen nach London, Barcelona und Ägypten sehr geholfen hatte. Solche Anfälle kommen in Schüben, die irgendwann schwächer werden. 

Aber wie werde ich mich fühlen, wenn ich so lange in einem Flugzeug sitze?

Die siebenstündigen Flüge nach New York hatte ich immerhin schon einige Male mehr oder weniger erfolgreich hinter mich gebracht, aber das war ja Jahre bevor mich diese Anfälle zu beherrschen versuchten. Panikattacken sind Zustände, die einen auch gerne Male im Laufe der Jahre umschlingen, bis man immer weniger Luft bekommt. Kümmert man sich nicht um sie, neigt man gerne dazu, mittels Vermeidungsstrategien, laufend die eigenen Möglichkeiten zu verkleinern.

 

Aber ich möchte ja möglichst frei sein, in dem was ich tue und lasse.

 

Ich bin ein neugieriger Mensch und meine Neugierde war schon immer größer, als all meine Ängste. 

So entschloss ich mich eben zu dieser weiten Reise an die australische Ostküste. Erstens konnte ich auf dieser Reise an meiner Platzangst in Flugzeugen arbeiten und würde zweitens ergründen können, wie ich mich beim Spazieren durch eine Gegend fühle, wo theoretisch hinter jeder Ecke ein giftiges Tier lauern könnte. Das hatte ich in den letzten Jahren häufig geträumt und fühlte mich in diesen Träumen je  öfter sie sich wiederholten, eigentlich immer seltener ängstlich, sondern eben viel eher neugierig. Ich glaube ja schon lange, dass viele Träume etwas bedeuten. Wahrscheinlich ist das sogar wissenschaftlich begründbar. 

Also folge ich meinen Intuitionen immer häufiger und verlasse mich darauf, dass sie mich irgendwo hin führen, wo ich auch sein möchte. Also, auf geht´s

 

Boah! In den Tagen kurz vor meinem Abflug griff besonders Abends vor dem Einschlafen die Panik nach mir. Wie halte ich es aus, für so viele Stunden in insgesamt drei Flugzeugen zu sitzen, auf einem engen Sitz in der Touristenklasse? Mein Problem beim Fliegen ist wie erwähnt nicht mehr so sehr die Angst vor einem Absturz. Es ist eher die Angst vor der Enge im Flugzeug, das sichere Wissen, in Zehntausend Meter über dem Meer nicht einfach mal aussteigen zu können.

 

So kam dann der Tag meiner Abreise im April. Meine Lebensgefährtin fuhr mich in unserem angebeulten, längst in die Jahre gekommenen Renault Megane zum Flughafen Tegel. In Berlin schneite es an diesem Vormittag noch ganz ordentlich. Ich saß auf dem Beifahrersitz und umklammerte meinen Rucksack, emsig bemüht, meine Mappe mit den Reiseunterlagen nicht fallen zu lassen. Nicht mehr lange, und ich würde im Flugzeug nach Paris sitzen, um von dort aus zunächst nach Abu Dhabi zu fliegen und dann über das Meer und auf das australische Festland nach Sydney, am anderen Ende der Welt. Den Flug nach Paris würde ich trotz meiner bereits im Startloch lauernden Panik schon noch irgendwie bewältigen, da war ich mir relativ sicher. Eine Stunde Flug heißt ja, kaum ist man in der Luft und hat eines der Bordgetränke und einen kleinen Imbiss zu sich genommen, befindet man sich schon wieder im Landeanflug. Die Frage war nur, würde ich in Paris in das nächste Flugzeug steigen, um erst mal den sechsstündigen Flug nach Abu Dhabi zu schaffen? So weit war ich ja früher auch schon auf meinen New York Reisen geflogen. Nur hatte ich da ja damals auch noch nicht die bescheuerten Panikattacken, sondern ganz normale Flugangst, die sich immer einigermaßen in den Griff bekommen ließ. Was würde sein, wenn ich in Paris solch eine Panik bekäme und dann überhaupt kein weiteres Flugzeug besteigen könnte, sondern womöglich von dort aus mit dem Zug nach Berlin zurück.

Menschen, die auf solche oder ähnliche Art Flugreisen abgebrochen hatten gab es. Gehörte ich mittlerweile etwa zu ihnen? Immerhin hatte ich mir eine Strategie für die langen Flüge zurecht gelegt. Medikamente zur Beruhigung schieden aus und Alkohol trinke ich keinen. Also versuchte ich etwas anderes.

Zunächst mal schraubte ich am Flugtag meinen Kaffeekonsum zurück.

Zweitens hatte ich vor, aufkommenden Angstanfällen nicht nur durch permanente Ablenkung zu begegnen, sondern sie ab und an zu zu lassen und durch intensives Atmen zu kontrollieren. 

So stellte ich mich dann also halbwegs guten Mutes in die Schlange an den Schalter der Air France.

Dabei guckte ich mir die anderen Passagiere genau an. Die zogen gemächlich ihre Kinder und Koffer Schritt um Schritt weiter. Manch einer sah gelangweilt seine Papiere durch. Niemand schien sich Sorgen zu machen. Also nahm ich noch einmal einen besonders tiefen Atemzug, probierte verstohlen ein Lächeln auf mein Gesicht zu bekommen und rastete in meinen persönlichen Wartemodus ein. Nach etwa einer Viertelstunde bewegte sich die Schlange vor mir. Aber nicht in Richtung Abfertigungsschalter, sondern nach links und rechts. Ein uniformierter Mann nuschelte uns eilig mit starken Air france- Akzent entgegen, unser Flug sei anscheinend überbucht. Er breitete die Arme aus und teilte unsere Warteschlange in zwei Haufen auf. Ich gehörte zu denen, die beiseite gehen und gesondert warten sollten. Dadurch änderte sich spontan der Grund aus dem mein Herz diagonal in meinem Körper hoppelte. Jetzt hatte ich nämlich Sorge, überhaupt in ein Flugzeug zu gelangen.

Reisefieber füllte meinen Organismus wie zu heißer Kaffee. Der Uniformierte lief mit wichtigem Dienstgesicht alle paar Minuten an uns ratlos Wartenden vorbei, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Trotzdem schien sein Tun etwas bewirkt zu haben, denn wenige zehn Minuten später stapfte ich über den Textilbodenbelag eines Flugzeugs und quetschte mich auf meinen Fensterplatz.

Es folgten zwei Panikschübe. Der erste, als sich der Gang mit so vielen Passagieren füllte, dass ab jetzt ein Aussteigen kaum noch möglich sein würde.

Der zweite Schub raste als Meterhohe Welle auf mich zu, als die Flugzeugtüren geschlossen wurden.

Ich zerrte meinen Sicherheitsgurt  etwas fester und stellte es mir irgendwie gut vor, wenn mich jetzt jemand einfach an meinen Sitz fesseln würde.

Dann wäre es mir nicht mehr möglich, aufzuspringen und meiner Panik das Kommando zu überlassen.

Blick durchs Fenster. Es beruhigte mich  irgendwie, dass außerhalb meines Gefängnisses noch Weite vorhanden war. Dazu noch ein paar schwankende Schneeflocken. Der Berliner Winter sagte auf Wiedersehen. Das Flugzeug sauste los und jetzt war vorerst an Aussteigen nicht zu denken.

Gipfelhöhe  zehntausend Meter. Eigentlich gehörte es nicht zu meiner geplanten Strategie, jetzt mein Notizbüchlein aufzublättern und Reiseeindrücke aufzuschreiben. Es funktionierte aber so gut wie kein alkoholisches Getränk und kein Medikament. Dazu ließ ich mir ausnahmsweise statt Kaffee einen Tee zur Beruhigung von der hübschen, freundlichen Stewardess reichen. Wir waren gar nicht lange irgendwo zwischen zu Hause und Paris unterwegs.

Schon knackte es wieder leise in den Ohren beim Schlucken, und das bedeutet, wir waren schon wieder im Landeanflug.

Das Wetter in Paris fühlte sich ein bisschen milder und nasser an , als zu Hause. Ich sah Pfützen und umgefallenen Rasen auf grauem Hintergrund. Bei der Landung war kein Eiffelturm zu sehen, aber wegen dem war ich heute ja auch nicht unterwegs. Raus aus der Aluminiumröhre und wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, fühlte sich gut an. Hatte ich noch ausreichend Zeit, ins nächste Flugzeug zu steigen?

Erst mal suchte ich die Taxfreeshops nach einer Speicherkarte für meine Actioncam ab. Ausnahmsweise ein Belohnungskaffee wäre jetzt nicht schlecht gewesen, aber sparen war angesagt. Meine schmale Reisekasse würde noch genug zu verkraften bekommen. Zeit zum Umsteigen ins Flugzeug nach Abu Dhabi war genug eingeplant, aber der Betrieb auf internationalen Flughäfen frisst immer jede Reserveminute bis auf einen spärlichen Rest. Dieses Phänomen kannte ich allerdings auch vom Autofahren durch die zahlreichen Berliner Staugebiete. Mit dem Finger auf meinen Reiseunterlagen ging ich nickend und mich selbst beruhigend vor mich hin murmelnd von einer alphanumerischen Flughafenkoordinate zur nächsten. Ich war so lange sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, bis mir ein groß gewachsener auch für Pariser Verhältnisse sehr fremdländisch aussehender Mann den Weg versperrte.

Mit knapper dienstlicher Freundlichkeit erklärte er mir, dass ich irgendwo neu einchecken müsse. Da wir beide nur mäßiges englisch sprachen, verdoppelte sich mein Herzschlag innerhalb weniger Atemzüge. Von jetzt ab begann ich immer lauter vor mich hinschimpfend auf dem riesigen Charles de Gaulle-Flughafen hin und her zu irren.

Ich suchte und fand schließlich einen Informationsschalter und stürmte auf ihn zu. Ich hoffte, dort würde ich auf eine nicht zu lange Warteschlange stoßen und war zunächst erfreut, dass dort überhaupt niemand wartete. Als ich näher an den Schalter trat, konnte ich in drei Sprachen auf einem Schild den Grund lesen. Der Schalter war geschlossen.

Es gab einen Hinweis und einen Pfeil, der in eine eher unbestimmbare Richtung wies. Ich rannte jetzt schon beinahe und meine Füße schwitzten jetzt bedenklich und überhaupt  nicht weltmännisch. Nach ich weiß nicht wie viel Minuten fand ich endlich den anderen Informationsschalter, um fest zu stellen, dass auch der geschlossen war. Ich flitzte weiter zu einer Rolltreppe an deren Ende eine Glastür war, weil dort ein weiterer fremdländisch aussehender Mann stand,  der mir vielleicht helfen würde.

Hektisch fledderte ich vor ihm meine Reiseunterlagen hin und her und fragte ihn, ob ich durch die Tür, die er bewachte irgendwo hin gelangen könnte, um noch rechtzeitig meinen Flug zu erreichen. Der Mann sagte irgend etwas in zwei oder drei Sätzen zu mir. Ich verstand kein Wort und passierte dankend die Tür. Jetzt hatte ich das Gefühl. komplett falsch zu sein. Ich stand jetzt nämlich wie ich glaubte in einer Halle, die zum äußeren Kreis der Abfertigungshallen gehörte. OMG! Ich war jetzt nicht mehr drinnen, sondern draußen. Die nächsten Rolltreppen nahm ich jetzt mit immer riskanteren Manövern. Welche Richtung sollte ich nur nehmen? Nichts fühlte sich richtig an.

Ich fluchte jetzt so laut, dass man mich ohne Probleme zehn Meter weit hören konnte. In diesen Augenblicken hatte das sein Gutes. Ein Mann mit Hut und österreichischen Akzent erbarmte sich meiner, sah kurz auf meine Papiere und zeigte zu einer Tür, die ins Freie führte. Jetzt raste ich schnell wie ein Fahrrad diagonal auf die andere Seite des Flughafens und zerrte mein Gepäck über Hindernisse, die eigentlich nicht zum Überqueren gedacht waren. Auf einem Parkplatz, wenige Schritte von der nächsten Glastür entfernt, hörte ich einen obdachlosen Mann noch lauter als mich selbst schimpfen. Er war wegen weiß der Himmel was vollkommen aufgebracht und trat lautstark gegen ein paar parkende Autos. Tja, viel anders, als dieser arme Tropf fühlte ich mich ja in diesen Augenblicken selbst nicht.

Und dann öffnete sich der Himmel. Ich stand kurz drauf am Ende einer langen Schlange unter einer elektronischen Anzeige, auf der mein Flug nach Abu Dhabi angekündigt wurde. Zudem lief eine junge Frau in der Uniform meiner arabischen Fluggesellschaft zwischen den Passagieren hin und her, um deren Papiere zu inspizieren.

Als sie lächelnd meine Unterlagen durchsah und mir bestätigte, ich würde an der genau richtigen Schlange warten, hätte ich sie mir am liebsten unter den Arm geklemmt und mit auf meine Reise genommen. Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte das Reisefieber meine Angst vor Panikattacken fast vollständig eliminiert. Wie spricht der Volksmund ganz richtig? Wo Haie sind, sind keine Krokodile.

 

Ok, nichts wie rein in das nächste Flugzeug. Hier war jetzt ein bisschen mehr Platz. Die Zeit bis zum Start vertrieb ich mir damit, die neu gekaufte Speicherkarte in meine Actioncam zu stecken und die Kamera mit dem USB-Anschluß an meinem Entertainment-Terminal zu verbinden. Testweise probierte ich dann den Startknopf an der Kamera aus.

Die piepste beim Hochfahren aber so laut, dass ich sie erst Mal wieder ausschaltete.

Ich schnappte mir lieber mein Buch und versuchte meine beklemmende Gefängnisumgebung durch Lesen zu ignorieren. Auf ging es zur ersten knapp siebenstündigen Etappe nach Abu Dhabi. Als unser Flugzeug in der Luft war, streichelte ich es heimlich, um mich bei ihm zu bedanken. Technik besteht nur zu 89 Prozent aus berechenbaren Baugruppen und Teilen. Der Rest ist Seele richtig? Mein Sitznachbar hatte bereits seinen Kopfhörer auf und schaltete sich durch die Kanäle des Bordentertainments. Das wollte ich ihm sofort nachmachen, konnte aber trotz intensiver Suche keine Buchse für meinen in einer Tüte verschweißten Kopfhörer entdecken. Ich suchte überall, auch in der Sitzlehne und sogar unter meinem Sitz. Verstohlen beobachtet ich meinen Nachbarn, aber sein Kopfhörerkabel schien irgendwo in seiner Kleidung zu verschwinden. Die Stewardess wollte ich nicht fragen, also blieb mir nur, meine aufkommende Panik mit anderen Mitteln abzuwehren. Schon kam nämlich jetzt eine große und dann eine sehr große Welle von Ausnahmezustand auf mich zugerast. Meine Hände begannen, zu schwitzen. Sie wurden so feucht, dass ich irgendwann später sogar in meinen Händen Krämpfe bekam. Das war ganz klar Magnesiummangel vom vielen Schwitzen.

 Zusätzlich merkte ich auch schnell, dass ich mit Hilfe meiner Körperhaltung Panik verstärken aber auch abschwächen kann. Zum Beispiel machte es für mich einen Unterschied, ob ich während eines Angstschubes meine Fäuste ballte, oder die Hände offen ließ. Ballte ich die Fäuste, schwitzten meine Hände noch stärker und das verstärkte meine Panik nur. Mit diesem neu erworbenen Wissen hielt ich jetzt , so bald ich merkte, dass meine Hände zu schwitzen begannen, meine Handflächen einfach flach nach oben, wischte sie ab und ließ sie in der Aircondition des Flugzeuges zu Ende trocknen.

Mein Bordentertainment schaltete ich mit seiner Kabelfernbedienung auf Geovision. Jetzt konnte ich die Position unseres Flugzeugs auf einer Weltkarte verfolgen. Aha, wir flogen jetzt erst Mal grob Richtung Bukarest und dann an Ankara vorbei. Irgendwo weiter links auf der Karte stand Minsk. Wir flogen abwechselnd über Land und über Meer. Mein Herz schlug jetzt schon deutlich weniger wild.

Außerdem kam jetzt wieder eine Stewardess mit Kopftuch vorbei. Sie stellte mir ein Menü zusammen mit einer Kapsel eiskalten Wassers auf meinen winzigen Klapptisch. Jetzt bestand meine Ablenkung darin, mit nach oben gezogenen Schultern mein Besteck im spitzen Winkel nach unten gerichtet mein Essen zu zerlegen. Dabei achtete ich sehr darauf, nichts herunter zu schmeißen oder zu verschütten. Sorgfältig schmierte ich mir auch das kleine Brötchen und gabelte dazu Gurkenscheiben und Karottenstreifen in meinen Mund. Ja, Hunger hatte ich inzwischen und es verging ja etwas von der unendlich langen Flugzeit, wenn ich jetzt schön langsam machte.

Als die Stewardess noch einmal vorbei kam, um meinen Müll einzusammeln, fragte ich sie nach einem Kaffee.

Den gab es aber jetzt erst Mal gar nicht. Ich wurde gebeten, den Sonnenschutz an meinem Fenster nach unten zu ziehen. An Bord wurde jetzt das Licht gedimmt und so eine künstliche Nacht erzeugt.

Ich probierte also, ein bisschen zu schlafen. Wenn ich bei diesem Unternehmen erfolgreich gewesen sein sollte, dann vermutlich nur Viertelstundenweise. Müde vom Reisefieber und den jetzt größtenteils überwundenen Panikschüben war ich ja inzwischen. Mir machte es nicht einmal viel aus, als unsere Maschine plötzlich für einige Minuten durch mächtige Luftlöcher torkelte und jemand vom Bordpersonal eilig an mir vorbei lief und im vorderen Bereich des Flugzeuges hinter einem Vorhang verschwand. Ich griff wieder nach meinem Buch und las ein paar Seiten.

Zwischendurch schob ich die Sichtblende meines Fensters ein Stückchen nach oben. Draußen war es inzwischen finstere Nacht geworden. Die Außenwelt bestand jetzt nur noch aus der blinkenden Positionsleuchte einer Tragflächenspitze.

Nächster Schlafversuch. Vernebeln die eigentlich irgendwelche beruhigenden Pheromone über die Aircondition an Bord?  Das würde erklären, wieso alles Passagiere inclusive mir in so eine kollektive Lethargie gedriftet waren.

Beim Tierarzt wird ja so was schon lange gemacht, damit Hunde, Katzen und Vögel nicht im Wartezimmer übereinander herfallen.

So ging der Flug für mich jetzt eine ganze Weile weiter. Eine nicht ganz so unbequeme Sitzposition finden, Einschlafversuch, gähnen, sich im Sitz strecken, Blick auf die Geovisionsanzeige, nächster Einschlafversuch. Kurz die Sichtblende des Fensters nach oben schieben und den Horizont nach einem Streifen Tageslicht absuchen. Immer noch flogen wir über dem Meer, jetzt langsam in Richtung Bagdad. 

Unter uns konnte ich einige kleine Inseln erkennen, zwischen denen helle, orangefarbene Lichter strahlten. Waren das brennende Ölfelder, die nach dem letzten Golfkrieg noch niemand gelöscht hatte? Ich versuchte mich noch ein oder zweimal auf meinem Platz zusammen zu rollen und ein bisschen zu schlafen, aber das gelang mir nicht. Also tat ich einen weiteren Blick aus dem  Bordfenster. Jetzt war am Horizont so etwas wie ein auf die Seite gelegter orangefarbener Sichelmond zu erkennen. Zuerst leuchtete er noch mit der Vagheit einer Halluzination, wurde aber nach und nach realer. Die Bordbeleuchtung im Flugzeug wurde jetzt sekündlich heller. Immer mehr Köpfe bewegten sich träge in den Sitzreihen. Es roch nach Kaffee und Frühstück. Jetzt füllte sich auch mein Fenster langsam mit kräftiger werdenden Morgenlicht, zuerst noch rötlich, dann immer schneller helles blau. Wir überflogen jetzt eine Küstenlinie einem sonnigen Tag entgegen. Nur noch ganz wenige tausend Meter später sah ich einen komplett von sommerlichen Morgenlicht gezeichneten Flughafen. Wir sausten an einem protzigen Gebäude das von großem Reichtum zeugte auf unsere Landebahn zu. Die zweite Etappe Richtung Sydney war geschafft. Dieses Mal fand ich trotz meiner Müdigkeit das Gate für meinen Anschlussflug nach Australien mühelos. Die Sonne auf der anderen Seite der Flughafenfenster schien jetzt schon mehr Kraft zu haben, als die Aircondition des Flughafens. Ich zerrte mein Gepäck auf eine freie Doppelbank, die zu meinem Terminal gehörte. Es war noch viel Zeit, bis ich ins nächste Flugzeug steigen würde. Ich verband mein Ipad mit dem Flughafen W-Lan und guckte auf Facebook, was sich in Berlin so tat. Dazu machte ich mit dem Tablet ein Foto und sah nach, ob das jemand in der Heimat kommentierte. Wie spät war es da eigentlich jetzt?

Eine Facebookfreundin meldete sich schnell und wollte wissen, mit wem ich unterwegs sei. Als ich erwiderte, ich sei allein auf Reisen , erwähnte sie eine ihrer weiblichen Bekanntschaften in Sydney, die aus Deutschland dort hin gezogen war. Sie bot mir an, für mich den Kontakt zu ihrer Bekannten herzustellen. Als ich darüber nachdachte merkte ich, wie ich über die letzten Jahre zum Eigenbrötler geworden war. Zwar hätte ich gut jemanden auf meinen beabsichtigten Ausflügen zu den giftigen Funnel Webspinnen sicherheitshalber als Begleitung gebrauchen können, aber mehr Gesellschaft wollte ich gar nicht. So ließen wir das Thema und ich bekam stattdessen eine gute Reise gewünscht.

Langsam füllte sich die Wartezone mit Fluggästen. Leute in Uniformen kamen und forderten uns auf, uns in einer Reihe zum Checkin aufzustellen. Als ich anschließend das Flugzeug betrat war ich begeistert, wie komfortabel es innen ausgestattet war und wie viel Platz es gab. Leider waren das aber die Sitzgruppen der ersten Klasse, an denen ich freundlich lächelnd vorbei zu einem Vorhang geführt wurde. Auf dessen anderer Seite ging es ein paar Schritte weiter zu meinem nächsten Fensterplatz. Der Platz neben mir blieb frei. Auf den Sitz am Gang setzte sich eine freundlich aussehende Frau, die anscheinend auf dem Weg zurück in ihre Heimat war. Flugbegleiterinnen mit Kopftüchern liefen durch die Gänge und kontrollierten unsere Sitzpositionen. Nun begann der längste Flug meines Lebens.

Wenn ich jetzt, einige Kilometer über dem Meer auf diesem Langstreckenflug die Nerven verlieren würde, gäbe es kein Entrinnen mehr. Jetzt konnte mich nur noch ein Flugmarshall ruhig stellen. Da das wohl kaum eine Möglichkeit für mich war, kämpfte ich mit jedem Atemzug um meine Selbstbeherrschung.

Als erstes erlaubte ich mir ein paar Ablenkungsmanöver, die mich für einige Viertelstunden beruhigen würden.

Also richtete ich mich mit ein paar sparsamen Handgriffen in meinem Vierzehnstundengefängnis ein. Dann sah ich nach, ob ich mit meinem Handy oder dem Ipad Zugriff aufs Airline W-Lan bekam. Danach suchte ich nach dem Anschluss für meinen Kopfhörer.

Den fand ich dieses Mal ohne Schwierigkeiten. Mein aus Berlin mitgebrachtes Nackenkissen hatte ich anscheinend im letzten Flieger liegen gelassen. Ich guckte aus dem Fenster. Unter uns war nur Wasser zu sehen, der Himmel bestand aus fehlerfreiem Blau. Ich suchte mir auf dem Multifunktionsbildschirm der zu meinem Platz gehörte einen Science Fictionfilm aus. Den sah  ich zur Hälfte und schlief dann endlich für ein Weilchen ein.

Als ich wieder wach wurde fühlte ich mich wirklich ein kleines bisschen erfrischt. Ich schaltete den in meinem Vordersitz eingebauten Bildschirm, auf dem mein angefangener Spielfilm auf mich wartete auf Geovision um.

Kaum mehr als zwei Stündchen hatte ich verschlafen. Blieben immer noch eine zweistellige Anzahl an Flugstunden übrig. Mein Herz raste wieder bis knapp unters Kinn. Zum Glück glitten jetzt wieder die kopfbetuchten Flugbegleiterinnen durch die Gänge. Ich als Vegetarier bekam mein Essen zusammen mit einem Kärtchen auf dem mein Name stand als Erster. Auch gab es endlich einen Kaffee für mich. Für Kaffee einer arabischen Fluggesellschaft schmeckte  der in meiner Tasse zwar ein bisschen unspektakulär, aber immerhin tat mir jetzt das Koffein gut. Wieder packte ich sehr sorgfältig mein Besteck aus, riss die Tüte mit dem Brötchen auf und sah zu, dass mir beim Abziehen der Aluminiumfolie von meinem heißen Essen nichts daneben geriet. Jetzt zu kleckern oder etwas herunter zu schmeißen, hätte der Auslöser für einen Nervenzusammenbruch bedeuten können. Außerdem verging mehr Flugzeit, wenn ich alle Handgriffe extra langsam machte. Obwohl ich keinen großen Appetit hatte, aß ich jeden der mir zugedachten Happen. Der Salat schmeckte bitter und langweilig, aber die Obststücken unter denen es auch zwei große Würfel Ananas gab, halfen mir das ständige Durstgefühl erträglich zu machen. Die Kapsel mit dem Wasser war leider schon leer. Als meine Flugbegleiterin vorbei kam, um mein Plastiktablett einzusammeln, bestellte ich noch einen Kaffee und guckte den Rest meines Filmes. Meine durch einen Platz von mir getrennte Sitznachbarin sah vergnügt ein paar Folgen Big Bang Theorie auf ihrem Bord TV und lachte ab und zu. Obwohl wir zur Frühstückszeit in Abu Dhabi gestartet waren, flogen wir bereits der nächsten Dunkelheit entgegen. Na klar, Australien liegt ja auch in einer ganz anderen Zeitzone. Immer noch hatten wir kaum eine nennenswerte Etappe unseres Fluges geschafft. Ich suchte im Programmangebot meines Bildschirmes nach ein paar Beiträgen, die mich interessieren konnten.

Hier sind sie ohne Garantie auf die richtige Reihenfolge:

Der Spielfilm über Charly Chaplins Leben

Der Dokumentarfilm über Amy Winehouse

Eine Comedyserie , in der John Cleese einen Hotelmanager spielt. Fawlty Towers.

Zwischendurch las ich in Flakes HEUTE HAT DIE WELT GEBURTSTAG und hoffte in den Lesepausen, dass unsere Flugzeit in den einstelligen Bereich vorwärts rückt und ich während der jetzt verbleibenden Flugstunden nicht oft aufs Klo musste. Ich wollte ja meine freundlich Banknachbarin die inzwischen ein Nickerchen machte nicht unnötig wecken. Dummerweise drehte sich jetzt mein Flugzeugdinner gefährlich in der Nähe meines Enddarmes mehrmals um sich selbst. Kleine Gaswölkchen verließen immer häufiger meinen Körper und ich betete, dass die Aircondition damit fertig werden würde. Auch die Krämpfe in meinen Händen waren zurück gekehrt.

Eine ganze Weile krümmte ich mich noch auf meinem Sitz. Dann weckte ich entschlossen meine Nachbarin, die mich beinahe freudig anlächelte und schnell aufstand um mir Platz zu machen. Der  kleine Spaziergang zur Flugzeugtoilette fühlte sich erfrischen normal an. Ich streckte mich ausgiebig ein paar Mal, bevor ich auf meinen Platz zurück kehrte.

Inzwischen wurde ich immer zuversichtlicher, dass ich den langen Flug nach Sydney ohne Nervenzusammenbruch schaffen würde. Wie zu Belohnung sah ich nun erleichtert, dass unsere restliche Flugzeit auf knapp unter zehn Stunden gesunken war. Die würde ich schon noch aushalten und schon bald die Hauptstadt des Landes betreten, in dem die todbringende Trichternetzspinne lebt.

Auf der Seite wo mein Fenster war strömte laufend kalte Luft gegen meine Knie. Ich verteilte so gut es ging meine dünne und viel zu kleine Flugzeugdecke wie ein Rollstuhlfahrer über meine Beine, um dann für wenigstens noch ein Weilchen einzuschlafen. Immer abwechselnd meinen Kopf mit einem Kissen dazwischen geschoben gegen das Fenster gedrückt, dann wieder Kopf nach hinten und Beine möglichst weit unter den Vordersitz schieben. Dritte Stellung: zusammengerollt auf meinem Sitz, die Beine diagonal in den Fußraum des freien Nachbarsitz ausgestreckt.

Das ging für ein paar Minuten. Bald wurden die Abstände zwischen meinen Stellungswechseln immer kleiner. Bisher hatte ich kaum ein Auge zugedrückt. Zum Glück wurde jetzt wieder eine Mahlzeit und Getränke gebracht.

Also guckte ich noch mal  auf mein Bord TV. Beim nächsten zurückschalten auf Geovision flogen wir an Goah vorbei ganz langsam millimeterweise auf Australiens Westküste zu. Immer wieder war jetzt ein Stück australisches Festland auf der Bildschirmkarte zu sehen, auf der Broome und  Great sandy Desert stand.

Land der giftigen Tier ich komme!

 Und dann war es endlich so weit. Wir hatten nach einigen weiteren Stunden endlich das australische Festland größtenteils überquert und näherten uns jetzt Sydney. Unter uns lagen schon vermutlich die Blue Mountains oder kreuzte die unsere Flugroute gar nicht? Wir flogen jetzt  auch über viele Lichtpunkte, deren geometrische Anordnung Straßen und Häuser bedeuteten. Wie viele giftige Spinnen hatten wir inzwischen schon überflogen und wo genau hielten sie sich gerade auf? Dann setzte das Flugzeug auf uns mein Inneres verteilte mit der Großzügigkeit eines Rasensprengers Glücksatome. Langsam rollten wir zum Aussteigegate, an dem wir eine ganze Weile warteten, bis endlich die Flugzeugluken geöffnet wurden. Ungeduldig stand ich in meiner Sitzreihe und sah zum am nächst gelegenen Ausgang. Dort bewegten sich eine Gruppe von Passagieren, in dem sie im Gang zwischen den Sitzreihen Koffer und andere Gepäckstücke hin und her schwenkte.

Nur stieg noch immer niemand aus. Endlich wurden die Luken unseres Flugzeuges geöffnet und es ging durch eine durchsichtige Röhre ins Abfertigungsgebäude. Über uns schoben ein paar Leute einen leeren Rollstuhl in ein anderes Flugzeug, während ich zum ersten Mal in meinem Leben australisches Land betrat. Freudig stürmte ich mit meinem Bordgepäck den anderen Passagieren hinterher durch eine lange Taxfree Einkaufspassage in Richtung Luggage Area.

Unterwegs stoppten einige der Fluggäste an mit Elektronik vollgestopften Säulen, um ihre Pässe durch einen Schlitz zu ziehen. Ich versuchte es ihnen nach zu machen, aber mein deutscher Pass rief offensichtlich nach guter alter Handarbeit. Ok das hier funktionierte nicht, also gab ich auf und lief einfach weiter den anderen Passagieren hinterher um meinen Reisekoffer ausfindig zu machen. Als ich schließlich meinte,  am richtige Gepäckkarussell zu warten, begann ich eine Vorahnung davon zu bekommen, wie warm es in Sydney war. Ich zog meine Jacke aus und legte sie über meinen Rucksack. Es verging eine gute Viertelstunde, bis mir klar wurde, dass mein Koffer nicht auf dem endlosen Band, das sich vor mir drehte auftauchen würde. Ich sah mir noch einmal die elektronische Tafel über meinem Kopf genauer an.

Mein Fehler. Das Band auf dem das Gepäck meines Fluges Karussell fuhr, war einige zehn Meter entfernt. Schließlich war auch das geschafft und ich stand am Schalter eines Einwanderungsbeamten.

How are you“ fragte er mich und machte dabei ein so freundliches Gesicht, als würde er Bonbons verkaufen. Da ich nie weiß, wie ich solch eine Frage beantworten sollte, stammelte ich ein paar englische Satzbrocken, die der Mann am Schalter freundlich über sich ergehen ließ. Er drehte meinen Pass einige Male hin und her, dann ließ er mich passieren. Damit hatte ich die Grenzkontrolle noch nicht ganz geschafft. Der Mann schickte mich weiter, zu einer anderen Sperre. Dort wurde gerade das Gepäck einer jungen Frau inspiziert die aussah, als hätte sie irgendwo einen Joint versteckt. Meine Sachen wurden anscheinend untersucht, weil ich zum ersten Mal das Land bereiste.

Auch das war bald geschafft. Jetzt zog ich mit meinem Koffer durch eine große durchsichtige Doppeltür. Auf deren anderer Seite las ich welcome to sydney airport. Auf einem anderen Schild war ein Pfeil über dem Trainstation stand. Schon nach wenigen zehn Schritten ging es eine Rolltreppe nach unten zu den Fahrkartenschaltern. Ich bestellte bei der Frau am Schalter eine Opalcard zu 50 australischen Dollars. Die Geldscheine mit denen ich sie bezahlte waren teilweise durchsichtig. Wie weit mich mein gerade gekauftes Prepaidticket bringen würde, war mir zuerst nicht klar. Auf jeden Fall kosteten die vier Zugstationen bis zum Hauptbahnhof von Sydney schon etwa 12 Dollar. Immerhin würde mich meine Opalcard so lange genug Geld drauf war auch in den kommenden Tagen nach Gosford bringen.

An der Rolltreppe die nach unten zu den Geleisen führten, balancierten zwei junge sportlich aussehende Männer ein Surfbrett über die Absperrung. Ich nahm die gleiche Rolltreppe nach unten uns versuchte, auf dem ausgehängten Innenstadtplan die Gegend meines Hotels ausfindig zu machen. Aber nach einem so langen Flug auf dem ich kaum geschlafen hatte irgendeinen geordneten Gedanken zu fassen, war so gut wie unmöglich. Immerhin fand ich das Geleis, auf dem die Züge in Richtung Innenstadt fuhren. Ich stieg in den erstbesten ein und beschloss, einfach am Hauptbahnhof auszusteigen. Der Doppelstockzug hatte breite Türen, war aber voller morgendlicher Passanten, von denen anscheinend viele auf dem Weg zur Arbeit waren. Ich machte mich mit meinem Koffer und meinem Rucksack so klein wie möglich und begutachtete meine neue Umgebung. Für mich fühlte es sich an, als wäre ich mit der Londoner Tube unterwegs. Zu mindestens war das morgendliche Gedränge das Gleiche. Dazu kam, dass wir zuerst noch einige Minuten unter der Erde fuhren. Bald aber flutete frisch geborenes Tageslicht unseren Zug. Ein neuer Tag in Sydney begann und ich war dabei. Ich sah, die ersten Häuser und ein großes Sportstadion an uns vorbei eilen. Passanten, die ihren Morgenkaffee zügigen Schrittes vor sich her trugen. Es waren viele asiatisch aussende Menschen unter ihnen. Am Hauptbahnhof stieg ich aus und zeigte einer hilfsbereiten freundlichen Frau in Uniform die Adresse meines Hotels. Wenn ich sie richtig verstand, könnte ich gut mein Hotel in weniger als einer halben Stunde von hier aus zu Fuß erreichen. Ich schleppte meine Sachen eine Treppe nach unten, wo es nach Kaffee und Frühstück roch.

Immer noch traute ich mich nicht, Geld auszugeben. Stattdessen überlegte ich, welchen Weg ich zu meinem Hotel in Darling Harbor nehmen sollte. Die Frau auf dem Bahnsteig hatte gesagt, ich solle in Richtung Haymarked gehen. Aber wo war der bloß? Weder auf meinem Ipad noch auf meinem Handy hatte ich ein brauchbares Wlan, das mir beim navigieren hätte helfen können. Dann fiel mir aber zum Glück ein, dass mein Hotel wegen seines Namens bestimmt in der Nähe des Hafens liegen würde. Ok, ein Hafen befindet sich am Wasser und Wasser ist immer im unteren Bereich eines Ortes. Also nahm ich den Weg, der  an einem großen Bauzaun vorbei nach unten führte. Ich überlegte, ob hier auf der Baustelle versteckt zwischen dem ganzen Eisenteilen und Holzbalken giftige Spinnen lebten. Vielleicht Redbackspiders oder womöglich die tödliche Sydney Funnelweb? Nach ein paar hundert Metern wartete ich an einer Verkehrsampel unter einem Baum. Von dessen Spitze schien ein neu geborenes Menschenkind zu schreien. Es war aber nur der morgendliche Ruf eines schwarzen Vogels von der Größe eines Raben. Ganz klar hatte ich eine Welt betreten, in der vieles anders war als zu Hause in Berlin. Diensteifrig piepste die Verkehrsampel in schneller werdenden Intervallen und scheuchte mich auf die andere Seite der Straße. Ich achtete gut auf den Linksverkehr, der bald wieder mit der typischen Großstadt Ungeduld an mir vorbei rauschte. Ich beschloss, eine kleine Pause einzulegen und setzte mich mit einer Cola und einem übrig gebliebenen Flugzeugbrötchen auf eine Parkbank. Vom Himmel fielen ein paar warme Regentropfen auf meine Schultern. Aber die Luft in Sydney fühlte sich sommerlich an, obwohl hier auf der anderen Seite der Erde so langsam der Herbst einzog. Hinter meiner Bank spazierte ein Vogel mit kahlem Hinterkopf durch die Blumenbeete. Der Vogel sah aus, wie ein alter Mann. Ich hatte die Regenjacke aus meinem Rucksack geangelt und über meinen Kopf geknittert. Mein Ipad zeigte mir jetzt zu meiner großen Freude einen freien Wlanzugang. Ich hatte anscheinend Sydneys Innenstadt gefunden. Also nahm ich  wieder meinen Fußmarsch auf und unterquerte eine Kreuzung, an der sich mehrere Highways schnitten. Hier gab es auch eine Treppe, die mich auf die andere Seite des Ungetüms aus Beton brachte. Dort führte die Treppe wieder hinunter in einen Park in dem sich ein paar Kinder auf einer Schaukel vergnügten. Wie sich herausstellte, hatte ich jetzt Darling Harbor erreicht. Mein Hotel musste sich in unmittelbarer Nähe befinden. Ich lief eine Straße entlang auf einem schmalen Bürgersteig, der bald in einem steilen Winkel nach oben führte. Die Autos auf dem Highway dicht neben mir fuhren beunruhigend schnell den Hügel hinauf.

Ich suchte gerade auf der Karte meines Ipads nach einem anderen Weg zu meinem Hotel, als ein junger Jogger neben mir stoppte.

Hilfsbereit sah er auf meine Karte und meinte, ich solle ihm ruhig weiter auf dem schmalen Fußweg nach oben folgen. Ich solle nur vorsichtig wegen des Verkehrs auf der Straße sein. Am oberen Ende der Straße gab es tatsächlich ein Hotel, das für die Preisklasse die mir meine Freundin in Berlin gebucht hatte zu luxuriös aussah. Dort sagte mir der Mann an der Rezeption, ich solle einfach noch eine Straße weiter gehen. Seines Wissens gäbe es dort noch ein anderes Hotel namens Darling Harbor. Wenige eilig gelaufene Schritte später stand ich endlich am ersten Ziel meiner langen Reise. Das Hotel lag in einem alten, zweistöckigen Gebäude und hatte eine Tür mit Zahlenschloss, die zum Glück offen stand. Hinter dieser Tür konnte man links in ein kleines Büro abbiegen, in dem eine junge Vietnamesin hinter einem Schreibtisch saß.

In einem Raum hinter ihr standen einige Koffer neben einer großen Waschmaschine. Die Frau verglich kurz meine Angaben, ließ mich ein Formular ausfüllen und sagte, mein Zimmer sei erst in zwei Stunden frei. Sie zeigte mir einen Platz hinter ihrem Schreibtisch, auf dem ich meinen Koffer und meine dicke Winterjacke ablegen konnte. So hängte ich mir wieder meinen Rucksack über die Schulter und erkundete die Umgebung meines neuen Schlafplatzes. Ein paar Schritte vom Hotel entfernt gab es eine Straße, die nach unten zum Hafen führte.

Sie führte an einem großen Kriegsschiff vorbei, das man zu einem Museum umfunktioniert hatte. Das merkte ich mir als Orientierungspunkt und  schlenderte mutig weiter in Richtung Hafenbecken. Für eine Weile stand ich auf einem mit Holzbrettern abgedeckten Fußweg, der zum Weiterlaufen einlud. Das Meerwasser unter mir war durchsichtig. Ich sah einige Fische darin umher schwimmen und einige handgroße weiße Quallen. Am liebsten hätte ich sofort meine schwitzigen Reiseklamotten abgelegt um an Ort und Stelle ins Wasser zu springen.

Ich dachte darüber nach, wie gefährlich das sein würde, falls einer der Meeresbewohner unter mir einer von der giftigen Sorte wäre.

Auch hielt ich in den Ritzen zwischen den Holzbrettern auf denen ich lief nach Spinnennetzen Ausschau. Bestimmt würde ich hier mitten in der Innenstadt von Sydney keiner Funnelwebspider begegnen. Konnte es aber nicht sein, dass es hier irgendwo, die australische Verwandte der schwarzen Witwe gab? Hier oder zumindest nicht weit von hier entfernt lag ja auch der Lebensraum der Redbackspider.

Gab es überhaupt irgendeine Art von Spinnen, die mitten in dieser Millionenstadt wohnten?

Ich dachte darüber nach, wie das zu Hause in Berlin war. Dort findet man Spinnen in Kellern, und in künstlich beleuchteten Bushaltestellen und Hauseingängen. Ab und an sah man auch mal eine Kreuzspinne und ziemlich häufig einen Weberknecht mitten in Berlin. Spinnen leben auch gern da, wo Menschen Unordnung hinterlassen haben, zum Beispiel in zurück gelassenen Sperrmüllstücken oder alten Autoreifen. Nach solchen Dingen wollte ich hier in der fernen Welt ab jetzt Ausschau halten. Aber zunächst ging es mir darum, überhaupt ein erstes Gefühl für Sydney und die nähere Umgebung meines Hotels zu bekommen.  Also führte mich mein zweiter kleiner Spaziergang zurück zu meinem Hotel und dann die am nächsten gelegene Hauptstraße hinauf, so weit es die verbliebenen eineinhalb Stunden bis ich mein Zimmer beziehen konnte zuließen. Auf dem Weg merkte ich mir ein chinesisches Sushirestaurant, das mit niedrigen Preisen warb. Kurz darauf führte der Weg auf dem ich lief auf eine Brücke über einer Art Straßenbahnlinie.

Hier gab es links von der Überquerung ein bisschen Gestrüpp und einen Maschendrahtzaun. Beim näheren hinsehen entdeckte ich auf einem Steinpfosten ein paar Insekten, die mich an Feuerwanzen erinnerten.

Ich lief noch ein paar hundert Schritte weiter den Bürgersteig entlang bis zu einem Discounter, den ich mir für den Einkauf meines heutigen Abendessen merkte. Hier machte ich kehrt und lief langsam zurück zu meinem Hotel.

Mein neues zu Hause bestand aus einem kleinen Zimmer, in dem sich ein Bett eine kleine Ablage und ein an die Wand geschraubter Flachbildfernseher befand. An der Decke hing ein großer Ventilator der nicht funktionierte. Dafür gab es einen zweiten Ventilator, der auf dem Fußboden stand. Es gab auch einen Garderobenständer und einen zu drei Vierteln mit einer dünnen Sperrholzplatte provisorisch abgedeckten Kamin. Auf dem Bett lag eine kratzige, nicht bezogene Wolldecke. Zu dieser kleinen Behausung gehörte auch ein kleines Bad mit Waschbecken, Dusche und einem Klo.

Beim ersten Händewaschen merkte ich, dass die Ablaufgarnitur unter meinem Waschbecken notdürftig mit glänzenden cremefarbenen Paketklebeband abgedichtet war.  Ich legte mich für eine halbe Stunde aufs Bett. Jetzt zu schlafen würde meinen Tages/Nacht- Rhythmus komplett aufmischen, denn es war ja erst früher Nachmittag. Also probierte ich lieber meinen Fernseher aus.

Es gab Werbung, Nachrichten, irgendeine Comedyserie die ich nicht kannte und eine Talkshow zur Auswahl.

Ich schaltete den Ton ab, um für ein paar Minuten die Augen zu schließen. Das Bett schien sanft zu schaukeln und sich etwas auf der Stelle zu drehen. Ein Teil meiner Seele befand sich offensichtlich noch im Flugzeug. 

Jetzt nur nicht komplett weg pennen, sonst würde meine innere Uhr die nächsten Tage auf Eiern laufen. Irgendwie die Zeit bis es hier Abends wird herum zu kriegen, sollte nicht schwierig sein. Ich nahm einen großen Schluck aus meinem Glas mit inzwischen lauwarm gewordenen löslichen Kaffee und schwang mich aus dem Bett. Den Zettel mit dem Code für die Eingangstür zu meinem Hotel steckte ich sorgfältig in die Hosentasche, schmiss mir meinen Rucksack über die Schulter und machte mich auf einen Ausflug durch Darling Harbor.

Ich lief auf der Brücke in Richtung des Fernsehturms in einem Strom aus Joggern und Berufspendlern. Auf der anderen Seite der Brücke nahm ich die Treppe nach unten und überquerte ein  paar kleinerer Straßen, bis mein Weg von einer im Nachmittagsverkehr rauschenden Einkaufsstraße gekreuzt wurde. Ich fand einen Handyshop, in dem mir eine sehr junge asiatisch aussehende Frau eine Prepaidkarte in mein Handy setzte, mit der ich nach Deutschland telefonieren konnte. Das Mädchen erklärte mir auch, wie ich mit einem Anmeldeverfahren das über komplizierte Nummernkombinationen die ich eintippen sollte einen speziellen Willkommensbonus erhalten könnte. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden hatte, bedankte mich und überquerte die Straße. Hier gab es einen vierundzwanzig Stunden geöffneten Laden, in denen die Regale eng standen und prall mit Snacks, Getränken und kleinen Haushaltsgegenständen vollgestopft waren. Ich kaufte eine Großpackung mit Bananencreme gefüllten länglichen Küchlein, die mit einem großen Haps in den Mund passten und dort eine große chemische Geschmacksexplosion verursachten. Die Küchlein namens Twinkys kannte ich aus Buffy im Bann der Dämonen. Dazu kaufte ich noch zwei Flaschen mit Snapples - Fruchtsaftlimonade ohne Kohlensäure, die ich aus New York kannte, aber die eigentlich in Holland abgefüllt wird. Zurück im Hotel machte ich mir einen löslichen Kaffee in der Gemeinschaftsküche. Einen fetten Batzen Bananengebäck später probierte ich das Wlan-Passwort für mein Ipad aus.

Es funktionierte ohne Tippfehler. Mutig geworden tippte ich ein paar endlose Zahlenreihen in mein Handy um nach ein oder zwei vergeblichen Versuchen endlich ein Telefonat nach Berlin hin zu bekommen. Die Stimme meiner Lebensgefährtin am anderen Ende der Welt klang, als würde sie aus dem Zimmer direkt neben mir sprechen.

Ich machte einen zweiten Spaziergang zum Lebensmitteldiscounter, den ich mir auf meiner kurzen Inspektion heute Vormittag gemerkt hatte. Da mein Englisch eher mäßig ist, überwand ich immer ein gutes Maß an Scheu, ehe ich mich entschließen konnte, irgendein Geschäft zu betreten und mich mit meinem Einkauf an die Kasse zu stellen. Mein altes How are you? - Problem stand mir auch bei diesem Kassier Vorgang treu zu Seite. Wieder wusste ich nicht, was ich auf die höflich gemeinte Frage der Kassieren antworten sollte. Jedenfalls bezahlte ich mein Stückchen Käse, die Flasche Cola, die Oliven und die kleine Flasche Olivenöl rasch und war erstaunt, dass mir die Frau an der Kasse gleich meine Einkäufe in eine Plastiktüte steckte. Mein Weg zurück zum Hotel führte an einigen kleineren Häusern vorbei, an deren Vorderseite je ein winzige Stücken  Rasen eingezäunt waren. Auf einem dieser Rasenstückchen hatte jemand ein Motorrad geparkt. Ich hielt Ausschau nach Anzeichen von Spinnweben aus. Tatsächlich fand ich einige erstaunlich dicke einzelne Fäden und ein vollkommen chaotisch gewebtes kleineres Spinnennetz das aussah, als hätte es dessen Bewohner unter Einwirkung von LSD geklöppelt. Langsam schlenderte ich zurück zu meinem Hotel und freute mich auf eine abendliche Dusche und endlich ein paar Stunden tiefen Schlaf. Ich verteilte Brötchenkrümel und Kaffeeflecken im Bett und fühlte mich jetzt offiziell wie zu Hause. Das Olivenöl aus dem Fläschchen, das ich als Butterersatz für meinen nur zwei tägigen Akklimationsaufenthalt hier in Sydney gekauft hatte, war eine Version, die zu meiner Überraschung mit scharfem Chilipulver versetzt worden war. Ich spülte die Bissen mit viel Snapples herunter.

Dazu stopfte ich mir einen weiteren Bissen Bananenkucken in den Mund und zappte mich mit der freien Hand durch australiens Fernsehkanäle. Nach meinem Abendimbiss putzte ich mir die Zähne, wobei ich  beobachtete, wie mir mein Zahnputzwasser zuverlässig direkt aus dem kaputten Abflussrohr unter dem Waschbecken auf die Füße plätscherte.

Hektisch stellte ich meine Wanderschuhe, die mittlerweile dringend Lüftung benötig hätten zurück ins Wohnzimmer, damit sie nicht auch noch nass wurden. Dafür roch jetzt mein Zimmer in dem ich gleich schlafen wollte nach einer in einem Bottich sehr alter Milch ertrunkenen Person. Zum Glück war der geflieste Boden des Badezimmers mit einer Schräge versehen worden, die das Wasser in Richtung Dusche ablaufen ließ. Ich spülte den Geruch und Schweiß meiner langen Reise von meinem Körper und packte mich anschließend auf mein Bett, das den größten Teil des Zimmer ausmachte. Nachdem ich das Licht gelöscht hatte stellte ich fest, dass ich mich unmöglich mit der kratzigen Wolldecke zudecken konnte, wenn meine nackten Beine direkt mit ihr in Berührung kamen. Also deckte ich mich weil es ja sowieso sehr warm in meinem Zimmer war mit einem Handtuch zu. Darüber kam ein Stück der kratzige Decke. Noch summten die vielen tausend gereisten Kilometer durch mein inneres Universum. Ich guckte mir noch eine halbe Folge STROMBERG auf meinem Ipad an, bis ich mich endlich auf die rechte Seite gedreht zusammenrollte und einschlief.

 

Das erste Erwachen an einem Ort, an dem man niemals zuvor gewesen ist, besonders, wenn er sich am anderen Ende der Welt befindet, ist immer etwas ganz Besonderes. Von draußen hinter der Jalousie meines Fensters blitzte bereits klares Sonnenlicht in mein Zimmer. Um richtig wach zu werden nahm ich ein paar Schluck aus meiner Tasse mit kalt gewordenen Nescafe und schob meine zweilagige Zudecke mit den Füßen beiseite. Da es beinahe minütlich wärmer zu werden schien, beschloss ich, mich mit der Bahn auf den Weg Richtung Meer zu machen. Tasmanische See, ich komme!

Ich hatte noch keine genaue Ahnung, wie ich dort am schnellsten hingelangen könnte, aber ich kannte ja jetzt schon halbwegs den Fußweg vom Bahnhof Central zu meinem Hotel, den ich  jetzt so gut ich ihn im Gedächtnis behalten hatte in umgekehrter Richtung nehmen würde. Es war ein Hochgenuss, nur leicht bekleidet und mit einem Rucksack bepackt zu sein, der nur ein selbst belegtes Brötchen und mein Handtuch aus dem Hotel enthielt. Das würde ich hoffentlich gleich nach dem Baden im Meer gebrauchen können. Jetzt war ich optisch kaum noch von einem Einheimischen zu unterscheiden.. Raus aus dem Hotel links bis zur Kreuzung abbiegen, dann noch mal rechts und dann den schmalen Weg entlang der Schnellstraße nach unten. Rechts von mir gab  es eine Art Straßenbahnhaltestelle. Bestimmt würde von hier aus eine Bahn direkt zur nicht weit entfernten Central Station führen, aber dieses kurze Stückchen Weg wollte ich lieber zu Fuß machen. Nach wenigen hundert Metern verlor ich die Orientierung. Hier ganz in der Nähe musste der Bahnhof sein. Zum Glück erinnerte ich mich, dass ich einfach ein Stückchen die Straße nach oben laufen und nach einem Bauzaun Ausschau halten musste. Tatsächlich kam mir plötzlich wieder ein Stückchen Weg bekannt vor und ich lief an dem mir bekannten nach Frühstück und Kaffee duftenden Diner vorbei zum Bahnhof. Hier gab es jede Menge Gründe, sich  ordentlich zu verlaufen. So nahm ich meinen Mut zusammen und fragte eine rundliche Person in Bahnhofsuniform nach der besten Bahnverbindung zum Strand. Die Person war ein äußerst freundlicher Transvestit.

Bondi Beach - Bondei Beach -  sie klang als sie das aussprach wie ein äußerst vornehmer Engländer. Sie erklärte mir hilfsbereit, dass ich am besten mit dem Zug bis zur Bondi Junction fahren sollte und zeigte auf einen langen Durchgang, von dem ich nicht gedacht hätte, dass der zu einem weiteren Bahnsteig führt.

Der Zug war wie ich das von den Interregios aus meiner Heimat kannte zweistöckig. Ich setzte mich oben auf einen Fensterplatz in Fahrtrichtung. Auf der Fahrt Richtung Meer sah ich rechts meinen alten Bekannten den Fernsehturm. Hier in Sydney konnte man sich also wenn auf diesen Wegweiser achtete sich nie wirklich verlaufen.

An der Station Bondi Junction stieg ich aus und vertraute wieder darauf, zum Wasser zu gelangen, wenn ich einfach eine Straße suchte, die nach unten führte. Dieses Mal sollte ich falsch liegen. Es herrschte mittlerweile mittägliche Hitze, als mein Weg an Vorgärten vorbei eine kleine Kirche kreuzte. Langsam ahnte ich, dass ich die falsche Richtung eingeschlagen hatte und ich nahm die Navigation auf meinem Ipad zu Hilfe. Die zeigte an, dass ich umkehren sollte.

Mein falsch eingeschlagener Weg machte mir aber nichts aus. Wichtiger, als so schnell wie möglich an den Strand zu gelangen war mir, nach mehr Anzeichen von Spinnenunterkünften zu suchen. Immerhin war ich ja jetzt nicht mehr im Stadtzentrum unterwegs, sondern in einem seiner Vororte. Aber die Mittagshitze verhinderte offensichtlich, dass ich mehr als ein paar Spinnwebenreste und einzelne dicke Fäden auf meinem Fußmarsch fand, die hier und da diagonal von einem auf einem Grundstück befindlichen Baumast in Richtung Bürgersteig verliefen. So langsam bekam ich Lust auf Kaffee und einen Snack. Ich kehrte also um, weil ich auf meinem Fußmarsch hierhin eine Tankstelle gesehen hatte.

Dort kaufte ich bei einer älteren Babuschka, die wie es schien ihre Tochter vertrat so unsicher, wie sie den Kaffeeautomaten und die Kasse bediente, kaufte ich einen großen Becher und einen Muffin. Vor einem Laden in dem nicht viel Betrieb zu sein schien setzte ich mich auf eine Bank und nahm mein Frühstück ein. Anschließend lief ich den Finger auf der Ipadkarte ein paar Querstraßen weiter bis ich sicher war, jetzt auf dem Weg Richtung Strand zu laufen.

Jetzt befand ich mich auf einer Hauptstraße, auf der braun gebrannte Strandmenschen in Bussen entlang eilten.

Ich prägte mir die Nummer einer Buslinie ein, auf dessen Fahrtrichtungsanzeiger  Bondi Beach stand für den Fall, dass mir irgendwann auf meinem Marsch die Füße zu sehr weh tun würden. Inzwischen war es ziemlich heiß und ich kaufte in einem kleinen Laden eine Extracola zum Abkühlen. Mein Weg verlief nun immer steiler nach unten. Am Horizont hinter den niedrigen Häuserfronten blitzte die tasmanische See hindurch. Ich machte noch einmal Halt, um einen Busch vor einem Haus näher zu inspizieren, aus dem ich ein merkwürdiges lautes Krächzen hörte. Und dann sah ich ihn versteckt auf einem Zweig hockend - meinen ersten Papagei. Ein weißer Prachtbursche mit heraus gereckter Brust und gelben Kamm.

Nach ein paar weiteren hundert Schritten führte mich mein Weg über eine lebhaft befahrene Straße zur Strandpromenade von Bondi Beach. Ein Bus kam mir entgegen, der zur Zugstation Bondi Junction zurück fuhr und direkt an einer Mehrfachhaltestelle stoppte. Die prägte ich mir für meinen Rückweg ein. Das Meer nahm mich mit Wind und lautem Getöse in Empfang. Zwischen den aufgewühlten Schaumkronen paddelten ein paar Surfer auf dem Bauch liegend in tieferes Wasser. Einer von ihnen gefährlich nahe an einer zerklüfteten Steilküste die sich nicht weit weg vom langen Sandstrand rechts von mir erhob. Auf deren Steinfundamenten entdeckte ich ein großes Schwimmbecken, das mit Meerwasser gefüllt war. Von solchen Becken dicht am Meer hatte ich gelesen.

In ihnen war das Schwimmen gefahrlos was zumindest die Abwesenheit von Haien und giftigen Quallen betraf. Aber die tasmanische See leckte mit unerschöpflicher Kraft an den Felsen und sprang an ihnen hoch wie ein Rudel wütender Hunde. 

Eine schlanke junge Frau joggte an mir vorbei. Ihr war bestimmt egal, dass ich mich jetzt auszog und nur mit meiner Unterhose bekleidet vorsichtig aufs Wasser zu tippelte.

Niemand sieht einen alten Mann mit Rosazea im Gesicht und Spinnenbeinen an, so lange er nicht sinnlos herumschreit oder spontan im Sterben liegt.

Nur einen kurzen Augenblick zögerte ich noch. Dann sah ich wie wenige Schritte entfernt von mir ein junger Mann im knietiefen Wasser herumspazierte, der ein kleines Mädchen an der Hand hielt.

Schon wirkte die See deutlich weniger bedrohlich und todesmutig probierte ich ein paar Schritte ins Wasser. Die Strömung riss den Sand unter meinen Füssen weg und schnell blieb mir nichts anderes mehr übrig, als meine Arme auszubreiten und die laut rauschende salzgeschwängerte feuchte Welt zu umarmen, die so voller Leben war.

Das Meer riss mich von einer Seite auf die andere und obwohl ich ganz dicht am Ufer war, verlor ich an manchen Stellen den Boden unter den Füssen der aus einem sich ständig verändernden Nassschleifmittel zu bestehen schien. Ich wartete zurück ans Ufer, trocknete mich kurz ab und beschloss, lieber das sichere Schwimmbecken oben auf dem Felsen auszuprobieren. Den Eingang zum Schwimmbad fand ich schnell. In Nullkommanix war der Eintritt bezahlt und meine paar Habseligkeiten weg geschlossen.

Auch hier am Rand des Schwimmbeckens interessierte sich niemand für einen alten Mann in Unterhosen.

Die tasmanische See rauschte und griff weiter nach der Klippe, in die man das Becken gebaut hatte. Als hätte sie kein Problem, in bester Geberlaune den Pool in den ich jetzt vorsichtig stieg zu fluten und mich und die anderen Badegäste zu sich zu holen.

Jemand der hier anscheinend arbeitete rief mir freundlich etwas zu. Ich konnte nur vermuten, dass mein Kreuz und Querschwimmen hier nicht erwünscht war.

So zog ich also artig zwei Bahnen und hielt mich dann an der Ausstiegsleiter fest.

Ich merkte, dass ich plötzlich zu frieren begann, obwohl weder das Wasser noch die Luft besonders kalt waren.

Schnell trocknete ich mich ab und bekam unerwartet  einen Anfall von Schüttelfrost.

Zurück in meinem Hotel merkte ich, wie es sich eine große Anzahl fies kichernder Mikroben in meinen Bronchien bequem machte. Ich hustete mich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen hatte ich Rückenschmerzen vom vielen Husten.

Ich klebte mir so ein alte Leute-Wärmepflaster über meinen Lendenbereich und packte mein Zeug für die Abreise nach Gosford zusammen.

Den Weg zum Bahnhof kannte ich inzwischen auswendig. Bald saß ich oben im Doppelstockwagen linke Seite am Fenster in Fahrtrichtung.

Der Zug fuhr durch Sydney und näherte sich langsam der Stadtgrenze. Von dort ab schien er schneller zu fahren. Auf meiner rechten Seite raste uns ein Gegenzug entgegen. Ich machte mir die Navigation auf meinem Ipad an und verfolgte die Zugstationen. Der Zug hielt nicht an jeder Station. Trotzdem dauerte es eine ziemlich lange Zeit, bis sich die eintönigen sich wiederholenden Bilder von Gleisanlagen und vor der Vorstadt zurück weichenden Vegetation langsam in eine Regenwaldlandschafr verwandelte. Ich saß allein in meiner vierer Sitzgruppe die aus sich zwei gegenüber liegenden Doppelsitzbänken bestand. Als an der nächsten Station Einheimische zustiegen staunte

 ich sehr darüber, dass sie mit nur ein oder zwei Handgriffen ihr Sitzarrangement so umstellten, dass plötzlich deren Sitzbänke hintereinander angeordnet waren, anstatt gegenüber. Immer weiter rauschten wir hinein in eine dichte Landschaft mit buschigen Bäumen, zu Spontanexpeditionen einladenden Wasseransammlungen, und steilen, zerklüfteten Hügelketten. Hier also begann der Lebensraum der tödlichen Funnelwebspinne. Ich überlegte, wo ich lang laufen würde, um eine solche Gegend möglichst gefahrlos zu erkunden.

Wege sah ich abgesehen von seltenen Trampelpfaden, die wohl von Gleisarbeitern angelegt worden waren keine.

An jeder Station unterdrückte ich meinen spontan aufflammenden Wunsch, sofort auszusteigen, und an den Schienen entlang zurück zu laufen, um endlich die lang ersehnte unbekannte und gefahrvolle Welt zu betreten, an der ich gerade noch vorbei gefahren war.

Links von uns war jetzt immer mehr Wasser zu sehen und vereinzelt Bootsstege und zweistöckige Häuser. Hier wohnten Leute, denen womöglich schon einmal eine Funnelwebspinne begegnet war. Hier war die Welt der Vorgärten, die man besser mit Handschuhen pflegte weil man nie sicher sein konnte, welches beißende oder stechende Krabbeltier es sich in einem Laubhaufen oder einer Dachrinne gerade gemütlich machte. Die Menschen, die an den Stationen ein und ausstiegen sahen allerdings nicht sehr besorgt aus. Sie trugen leichte Sommerkleidung und  Sandalen wie zu Hause in Berlin am Müggelsee. Die nächste Station war Gosford. Jetzt war ich am Ziel. Mit freudig klopfenden Herzen stieg ich aus dem Zug und lief an einem Bahnsteigladen wo Kaffee, Gepäck und Zeitungen verkauft wurden zur Treppe, die nach oben zum Ausgang führte. Oben angelangt zog ich an einer Sperre aus Edelstahl meine Opalcard über einen Scanner. Mein Restguthaben auf der Karte war jetzt auf wenige australische Dollar geschrumpft. Demnächst würde ich sie an einem der Automaten aufladen. Die andere Seite der Sperre führte zu einer Straße, an der es Bushaltestellen für mehrere Linien gab. Mein Ipadnavi zeigte mir an, dass ich diese Straße zurück laufen und eine Brücke nehmen sollte, die auf die andere Seite der Gleisanlage führte. Ich nahm den Weg durch ein Parkhaus, das zum Bahnhof gehörte. Hier gab es ein paar Gebüsche und Blumenbeete, die ich sorgfältig näher betrachtete. Zwischen den einzeln stehenden Blumen gab es ein weißes Gespinst, das einem im Regen liegende gelassenen Tempotaschentuch ähnelte nur dass es an den Enden strahlenähnlich ausgefranst war. Konnte das etwas das Netz einer Funnelwebspinne sein? Ich setzte für einem Moment mein Gepäck ab und klopfte sehr vorsichtig mit einem kleinen Zweig an dem Gespinst herum. Es fühlte sich irgendwie unerwartet hart an fast wie die Haut eines Tischtennisballs. Anscheinend war niemand zu Hause. Ich setzte meinen Weg über die Brücke fort und folgte meinem Navi eine Straße entlang, die an einer Tankstelle und einem weiteren Parkhaus vorbei nach unten führte. Die Sonne schien jetzt am Vormittag schon so heiß, dass ich mich am liebsten für ein Weilchen unter das Dach des Parkhauses in den Schatten gestellt hätte. Aber ich war neugierig auf mein Hotel und außerdem hustete ich alle paar Schritte und das alle zehn  Meter in heftiger werdenden Stößen. Ich lief an einem Striplokal vorbei das um diese Zeit geschlossen war noch ein paar Schritte weiter. Wie sich jetzt heraus stellte, lag mein Hotel eigentlich direkt am Bahnhof, nur hatte ich den falschen Ausgang genommen. Ich überquerte noch eine Hauptstraße, von der es übrigens in Gosford nur eine Hand voll gibt, weil es eine Kleinstadt ist und machte mich aufs nächste How are you-Gespräch mit einer einheimischen Person die vermutlich eine Frau sein würde gefasst.

Das Fourier des Gosford Hotels war nicht besetzt. Auf einem Hinweisschild stand, man solle einfach durch die Hintertür durch den Garten ins Hotelrestaurant gehen um an dessen Bar einzuchecken. Hier arbeiteten zwei Frauen, von denen eine nicht viel älter als siebzehn Jahre sein konnte. Sie war blond mit einem offenen freundlichen sehr hübschen Gesicht. Solch ein Mädchen kannte ich von zu Hause aus Berlin, wo sie die Tochter einer Freundin spielte, sollte es sich bei ihr um eine Schauspielerin handeln und nicht um eine australische Doppelgängerin. Manchen Menschen begegnet man pro Leben in der gleichen Gestalt, aber in verschiedenen Rollen. Bin ich der Einzige, dem das aufgefallen ist? Kaum hatte ich mich durch die nervigen ersten zehn Begrüßungssekunden gemogelt und wie immer stolpernd um die Antwort auf die How are you?-Frage laviert, wurde ich kurzeitig mit einem weiteren Zehnlitereimer Reisefieber überschüttet. Die junge Dame präsentierte mir mit freundlich zuversichtlicher Bestimmtheit eine Hotelrechnung  über mehrere hundert australische Dollar, die vorzugsweise im Voraus zu begleichen wäre. Nachdem ich Sie in zittrigen Englisch wissen ließ, dass ich meine Zimmerrechnung bereits vor meiner Abreise in Deutschland überwiesen hatte, holte das Mädchen ihre ältere Kollegin zu Hilfe. Die tippte kurz etwas in Computer der zur Bar gehörte und schon fielen mir gleich mehrere Steine vom Herzen. Ich bekam einen Zimmerschlüssel, um wenige Augenblicke später mein Zimmer im dritten Stock des Hotels zu betreten. Die Zimmertür stand bereits offen, als ich eintraf. Zwei Damen von Mitte fünfzig waren eifrig damit beschäftigt, mein künftiges Bettzeug glatt zu streichen und ein paar Tütchen Instantkaffee für mich in eine leere Tasse zu stellen. Wieder gab es nach einem kurzen Willkommen etwas Smalltalk mit einer der Damen.

Dieses Mal stellte ich mich aber etwas besser an. Ob es mein erster Aufenthalt in Australien sei, wollte sie wissen.

Ich bejahte erfreut, sie gleich verstanden zu haben und fügte mutig hinzu, dass ich mich auf die Suche nach der Funnelwebspinne machen wolle. Die Frau sagte ,dass diese Spinne jetzt Saison habe. Damit meinte sie, was ich mir schon vor meiner Abreise in Berlin angelesen hatte. Um diese Jahreszeit- es war hier Ende Sommer würden die Funnelwebmännchen ihre Behausung verlassen, um auf Brautschau zu gehen. Die beiden Frauen ginge aus dem Zimmer. Ich machte ein bisschen Wasser für einen Instantkaffee heiß und legte mich aufs Bett. Der Fernseher war neben der Zimmertür an eine Wand kurz unter die Zimmerdecke geschraubt. Ich schaltete ihn ein und fand hoch erfreut nach kurzem hin und herzappen eine Folge Mac Gyver, die gerade erst begonnen hatte. Schüttelfrost packte mich wieder bei den Schultern. Ich hustete so, dass das Wärmepflaster das ich mir auf die Lenden geklebt hatte verrutschte.

Obwohl es sommerlich warm im Zimmer war, zog ich die Bettdecke über meinen Körper. Vielleicht wäre es gut, erst mal ein oder zwei Tage im Bett zu bleiben und was immer ich hatte auszukurieren. Aber wieder war es meine große Neugierde, die meinem Selbsterhaltungstrieb eine lange Nase drehte. Ich stand ja jetzt kurz davor, einen oft geträumten Wunsch zu erfüllen und endlich ein paar erste Schritte zum Regenwald zu wagen. Der Fahrstuhl hatte eine Tür, die man unter lautem Poltern aufschieben musste. Gleich dahinter kam noch eine hölzerne Doppeltür. Innen roch der Fahrstuhl nach frisch poliertem Messing und noch mehr altem tausende Male gepflegten Holz. Um nach unten zu fahren steckte man seinen Zimmerschlüssel in eine Vorrichtung, drehte den Schlüssel um und drückte gleichzeitig den Knopf fürs Stockwerk in das man fahren wollte. Nach zwei bis drei Versuchen bewegte sich der Fahrstuhl Richtung Erdgeschoss. Ich betete, dass sich unten angekommen die Türen ohne Probleme öffnen ließen. Meine alte Bekannte die Platzangst war mir zuverlässig den weiten Weg bis hier nach Gosford gefolgt, um kurz guten Tag zu sagen.

Heute war Samstag. Ich trat durch die Fronttür des Hotels ins Freie, wo es obwohl es gerade ein bisschen geregnet hatte sehr warm war. Den Weg zum Waldrand zu finden war nicht schwierig. Ich brauchte nur nach links die kleine Straße ein paar Schritte hinauf zu schlendern, um an den Rand meines persönlichen Märchenlandes zu gelangen.

Dabei wollte ich mir Zeit lassen und jeden einzelnen meiner Schritte voll auskosten. Ich lief an ein paar kleinen Läden vorbei. An der letzten Straßenecke kurz vor der Hauptstraße, die an Gosford vorbei führt und es vom Waldrand trennt gab es ein verlassenes Grundstück. Eigentlich war es nur ein Stück vernachlässigter Wiese, auf der ein einzelnes Baufahrzeug schlummerte. Ich sah mir sorgfältig jeden einzelnen vertrockneten Grashalm und jeden Strauch an.

Hier gab es keinerlei Anzeichen von Krabbeltieren geschweige denn von giftigen Spinnen oder anderen gefährlichen Tieren. Kaum hatte ich die gut befahrene Landstraße überquert und ein paar Schritte in Richtung von ein paar am Waldrand parkenden Autos getan, begrüßte mich ein kleines, drachenähnliches Wesen. Es saß auf einer Gulliabdeckung, wo es offenbar ein bisschen feuchter und kühler war. Glücklich wünschte ich dem kleinen Kerl einen schönen Samstag und blieb im respektvollen Abstand stehen, um ein Foto zu machen. Das Bürschlein war von jener geschuppten Sorte mit winzigen Hörnchen auf dem Köpfchen, die in einem benachbarten Universum Feuer spucken kann. Hier war ich mir sicher. Dicht an einem der parkenden Auto stand ein junges Paar und ordnete ein paar Sachen im Kofferraum.

Die Frau war sommerlich leicht bekleidet und trug winzige Sandalen, die ihr fast von den Füßen zu gleiten schienen.

Auch hier machte sich niemand Sorgen, von irgendeinem lebensgefährlichen Kriech oder Krabbeltier gestochen oder gebissen zu werden. Ich sah, wie ein daumenlanger schwarzer Tausendfüßler zwischen meinen Füßen entlang eilte.

Dann eine kleine schwarze Eidechse, dann noch eine. War der Tausendfüßler gefährlich? Ich hatte keine Ahnung.

Verstohlen hockte ich mich hin, um meine bissfesten Globetrotter-Gamaschen an meinen Waden zu befestigen.

Meine guten alten siebzehn Euro-Arbeitsschuhe, die ich irgendwann vor Jahren bei Lidl in Berlin gekauft hatte, waren vermutlich sogar schussfest. Ich ging weiter zum letzten parkenden Auto, um einen sehr vorsichtigen Blick in Richtung Regenwald zu riskieren. Neben dem Weg ging es direkt einen Hang hinauf. Um den hinauf zu laufen, hätte ich aber durch ein paar Meter dichtes Gebüsch gemusst. Das erschien mir aber fürs erste zu gewagt. Also ging ich zurück zum Highway. Ich lief ein paar zehn Meter weiter an einem zweistöckigen Haus vorbei zur nächsten Einmündung, die in den Wald führte. Hier stand das Gestrüpp etwas vereinzelter. In einem kleinen Minigraben, der offenbar Regenwasser vom Berg wegleiten sollte lag ein verwitterter Plastikbehälter mit Schraubverschluss. Er enthielt benutzte Skalpellklingen.

Der Müll passte zur Arztpraxis in dem Haus, an dem ich gerade vorbei gelaufen war. Etwas von dem Gestrüpp glitzerte in der Nachmittagssonne. Es war von einem von Regentropfen glitzerndem Spinnennetzt durchwoben. Und dieses Netz war bewohnt. Eine Spinne von der Größe eines Sahnebonbons hing darin. Sie hatte kurze knallrote Beinchen. Eigentlich sah sie für ein wirkliches Lebewesen zu perfekt und leblos aus, wie ein Bewohner aus dem Legoland. Ob sie gefährlich war, konnte ich nicht einschätzen, jedenfalls war sie groß genug, um einem ordentlich in den Finger zu beißen. 

Es schien mir logisch, dass sich die Spinne jetzt so kurz nach einem kleinen Regenguss sehen ließ, um sich für die Jagd auf die Lauer zu begeben. Ich machte rasch ein Foto von ihr und sah den Hang hinauf in den relativ lichten Regenwald.

Konnte es wahr sein? Kaum fünfzig Schritte von mir entfernt klammerte sich doch ein schwarzes Geschöpf an einen Baumstamm kurz unter dem Wipfel. Man, hatte ich vielleicht ein Glück. Kaum eine halbe Stunde spazierte ich zaghaft am Rande des Waldes hin und her und schon sah ich meinen ersten Koalabären. Vom Feuerwerken in der Heimat kannte ich ja bereits eine Eigenschaft von mir, alle Sicherheitsvorkehrungen über Bord zu schmeißen, wenn nur der Anreiz groß genug war. Ohne noch lange zu überlegen stürmte ich durch das Unterholz. Ich achtete nur noch darauf, nicht auszurutschen und etwas unvorsichtigerweise zu berühren als ich mit immer schnelleren Sätzen ohne meinen Baum aus den Augen zu verlieren weiter den Hang hinauf raste. Bei näherem Betrachten stellte ich allerdings fest, dass überhaupt kein kuschliges Knuddelbärchen oben auf dem Baum nur darauf wartete, von mir gestreichelt zu werden.

Der Baum war einfach nur an der bewussten Stelle besonders knubbelig gewachsen. Verschämt schlich ich nun etwas vorsichtiger zurück zu meinem Ausgangspunkt. Unter mir liefen ein paar beeindruckend großer Ameisen durchs Laub. Auch entdeckte ich mehr Spinnenweben an einem Baumstumpf. Vorerst unterließ ich es, sie genauer zu untersuchen. Fürs erste hatte ich genug vom Regenwald. Husten und Schüttelfrost kehrten langsam zurück. Auf dem Weg zurück zu meinem Hotel hörte ich ein paar Echos von etwas, das sich gleich drauf als Fragmente eines live gespielten Liedes heraus stellte. Gleich hinter dem Einkaufszentrum, das direkt an die Straße an der mein Hotel lag grenzte gab es einen Park. Ich entdeckte junge Familien mit Kindern, Stände an denen man gesunde Snacks kaufen konnte und schließlich auch den Mann der mit seiner Gitarre ein Lied zum Besten gab.

Halb nackt tobten die Kinder über den Spielplatz. Auch deren Eltern waren eher für einen Badeausflug angezogen.

Ich begann, mir in meinen dicken Jeans an denen immer noch meine Djungelgamaschen befestigt waren lächerlich vor zu kommen. Verstohlen setzte ich mich auf eine Bank am Rande des Parks und schnallte wenigstens diese überteuerten Regenwaldstützräder ab. Im Vorbeilaufen steckte ich dem Mann, der inzwischen seinen nächsten Song angestimmt hatte etwas Geld in die Büchse. Er bedankte sich und bekam zum Abschied von mir das Thumbs up-Zeichen. Versteht sich doch unter Kollegen so. Die meisten Geschäfte in der Mall vor meinem Hotel waren noch an diesem Samstagnachmittag geöffnet. Sogar einen Aldi gab es hier. So deckte ich mich mit einem kleinen Vorrat an Coladosen, Keksen, Oliven, Käse und Brötchen ein. Jetzt war ich gut für den Abend ausgestattet.

Im Hotel gab es auf der Etage die ich bewohnte Gemeinschaftsduschen. Auch die Klos waren kurz vor dem Schlafen in Unterhosen aufzusuchen, jedenfalls wenn man sich nicht extra für´s Pinkeln noch mal eine Hose anziehen wollte. In Unterhosen herum zu laufen, wäre mir sowieso nicht peinlich gewesen. Seit meinem ersten Soloauftritt mit E-Gitarre, der jetzt schon viele Jahre zurück liegt, ist mir überhaupt fast gar nichts mehr peinlich. Der hat mich für alle Zeiten erröten lassen.

Immerhin konnte ich mich über den günstigen Umstand freuen, dass ich zu mindestens an diesem meinem ersten Abend offenbar die Etage so gut wie alleine bewohnte.

Vor dem Licht ausmachen suchte ich sorgfältig mein Zimmer nach Spinnen und anderen illegalen Mitbewohnern ab.

Sicher ist sicher. Eine ziemlich kleine Spinne hatte es sich über dem Fenster in ihrem Mininetz gemütlich gemacht.

Ich stieg auf einen Stuhl, machte die Lampe auf meinem Handy an und betrachtete das winzige Monster aus der Nähe. Gefährlich sah die nicht gerade aus. O.k. kein Grund, sie nach draußen zu bitten. Noch ein bisschen Fernsehen und Videos auf dem Ipad, dann war ich reif fürs Land der Träume.

Am nächsten Morgen war ich kurz etwas durcheinander, weil ich nun in einem anderen Hotelzimmer erwachte, als in meinem Zimmer in Sydney, an das ich mich so schnell gewöhnt hatte. Obwohl ich mir keinen Wecker gestellt hatte, stellte ich fest, dass es gerade mal früher Vormittag irgendwas zwischen neun und zehn war. Auf meinem Handy fand ich eine App, die mir das Bewegen mit dem Nahverkehr von Australiens Ostküste behilflich war. Zwar wurde ich nicht so ganz schlau, ob mich tatsächlich heute irgendein Bus ins ungefähr zehn Kilometer entfernte Somersby bringen würde, aber immerhin kannte ich jetzt schon die richtige Busnummer. So packte ich mir eine Dose Cola und zwei schnell geschmierte Brötchen in den Rucksack und lief über die Hauptstraße rüber zum Busbahnhof. Der gehörte zur Zugstation, an der ich einen Tag zuvor ausgestiegen war. Gleich mehrere Buslinien führten von hier weg in die nähere Gegend.

Meine Haltestelle lag ziemlich am Ende des Busbahnhofes. Anscheinend war ich der Einzige, der mit dieser Linie fahren wollte. Ich setzte mich auf eine Bank, um ein paar Seiten in meinem Klaus Kinksi- Buch zu lesen. Immer noch unsicher, ob mich heute am Sonntag überhaupt irgend etwas in die Nähe des Reptile Parks fahren würde, wurde meine Lektüre nach ein paar Seiten unterbrochen. Ein Mann schlenderte gemächlich auf meine Parkbank zu und sprach mich an, ob ich eine Zigarette hätte. Ich sagte ihm ich würde nicht rauchen und dachte, nun hätte sich unsere Konversation erledigt.

Aber der Mann war auf Smalltalk aus. So spulte ich höflich mein Notprogramm englisch sprachiger Konversation herunter. Gerade war ich dabei, ihm etwas über meine Heimatstadt Berlin zu erzählen, als ein weiterer Mann auf uns zu lief. Es war ein Busfahrer, der während er sich weiter auf uns zu bewegte

irgend etwas zu meinem neu gewonnen Freund sagte. Der zögerte nicht einen Atemzug, und entfernte sich wie mir schien einen Tick schuldbewusst und verzog sich ans andere Ende des Bahnhofes. Vermutlich hatte ich gerade Bekanntschaft mit einem Obdachlosen gemacht, und denen war wohl die Kontaktaufnahme zu echten Fahrgästen untersagt. Nach ein paar weiteren gelesenen Seiten kam wirklich ein Bus mit der richtigen Nummer. Ich fragte den Fahrer der eine verspiegelte Sonnenbrille mit ovalen Gläsern trug, ob er irgendwie in die Nähe vom Reptile Park fahren würde. Der Fahrer sagte, er würde nur ungefähr in diese Richtung fahren, weil heute Sonntag sei. Er versprach, mir rechtzeitig Bescheid zu sagen, wann ich aussteigen müsse. Ich fummelte meine Opalcard aus der Tasche und überlegte fieberhaft, wie die in solchen Bussen funktioniert. Es stellte sich heraus, dass man die beim Einsteigen und Verlassen des Busses an einem Kartenleser, der an eine Stange direkt hinter dem Fahrer geschraubt war vorbei ziehen soll.

Als das geschafft war setzte ich mich tief durchatmend auf einen Fensterplatz rechte Seite Mitte. Zum Glück hatte der Bus eine gut funktionierende Aircondition. Fast war es ein bisschen zu kühl hier drin, aber draußen machte die Sonne einen guten Anlauf in Richtung gnadenlose Mittagshitze. Nach ein paar Stationen fuhren wir eine Straße entlang, die einen Berg in zwei Hälften teilte. Ich fragte mich, ob der Busfahrer daran denken würde, mir rechtzeitig Bescheid zu sagen, an welcher Station ich aussteigen sollte, als wir schon auf einer mehrspurigen Straße in den nächsten Ort an einer Tankstelle vor bei fuhren und links abbogen. Hier war eine Haltestelle. Der Busfahrer stoppte zu meiner großen Überraschung den Motor und winkte mich zu ihm nach vorne. Obwohl noch ein paar andere Fahrgäste im Bus aufs Weiterfahren warteten, stieg er in aller Ruhe aus, um mir den Weg zum Reptile Park zu erklären. Er zeigte die Straße hinunter zu einem Highway, dem ich etwa zwanzig Minuten bis zu einer Mündung folgen sollte. Dort würde ich ein großes Schild finden, das mir das letzte Stückchen Weg zum Reptile Park zeigen würde. Der Busfahrer nahm sich noch genug Zeit für ein bisschen Smalltalk mit mir und so fand ich heraus, dass er schon einmal vor einigen Jahren in Berlin gewesen war. Damals war die Stadt noch durch den eisernen Vorhang geteilt. Sehr dankbar und vollkommen begeistert verabschiedete ich mich von dem Mann mit den Spiegelaugen. Mein Herz hüpfte freudig, als ich die zwei Ampeln nahm, um den Highway zu überqueren. Hier führte ein breiter Weg der links von der gut befahrenen Straße und rechts von einem Straßengraben mit dahinter liegenden kleinen Firmensitzen gesäumt wurde zu meinem Ausflugsziel.

Erste Anzeichen einer Sonnenstich garantierenden Mittagshitze strahlte zwischen den Wolken hindurch genau hinunter auf meinen ungeschützten Kopf. Obwohl es einige hundert Meter später ausreichend Gelegenheit gab, meinen Weg im Schatten von Bäumen fort zu setzen, blieb ich lieber so gut es ging in der Mitte des Weges. Wer konnte wissen, welche Tiere sich im von Bäumen abgeschatteten Gras herum trieben? Lieber kühlte ich mich mit meiner kleinen Dose Cola ab und hoffte, ich würde bald etwas mehr zu trinken finden. Ich lief noch ein paar Schritte und sah eine ziemlich große drachenartige Echse, deren kleinerer Verwandter mich schon bei meinem ersten Tag am Rande des Regenwaldes begrüßt hatte.

Dieses Fabelwesen, war wie es schien genau wie ich damit beschäftigt, sich etwas Kühlung zu verschaffen.

Ich wünschte ihm höflich einen guten Tag und beschleunigte meine Schritte. Ein großes Schild mit einem im einladenden Comicstyle gezeichneten Krokodil darauf und der Aufschrift Reptile Park zog mich zu sich.

Das Schild zeigte nach rechts zu einer schmalen Straße, die direkt in den Regenwald führte. Bevor ich in diesen Weg abbog, bleib ich kurz stehen, um ein Konvoi von Oldtimern, die gerade an mir vorbei knatterten zu begutachten.

Ich hätte schwören können, dass unter den alten hochglanzgepflegten Automodellen auch der Hot Rod von Tim Taylor aus der Fernsehserie HÖRT MAL WER DA HÄMMERT! gewesen ist. Jetzt war ich bereit fürs letzte Stückchen Fußmarsch zum Reptile Park. Auf meinem neuen Weg war es schwieriger zu laufen, denn auch hier gab es Autos, die ziemlich dicht an mir vorbei fuhren.Und hier verlief ebenfalls ein schmaler Graben, der mich von dem Gestrüpp des Regenwaldes trennte. Dieser Entwässerungsgraben war wirklich nicht sehr breit. Um die Pflanzen des Regenwaldes zu berühren, hätte ich jetzt nur meinen Arm auszustrecken brauchen. Ich blieb lieber vorsichtig, denn bewohnt war der Busch auf jeden Fall. Ich konnte das Leben aus all seinen Poren riechen. Der Wald roch nach mit Honig gesüßten kalten schwarzen Tee. Sehen konnte ich das Leben auch. Wieder war es eine Spinne mit dicken roten Beinchen von der Größe eines Sahnebonbons, die ich entdeckt hatte. Sie hockte scheinbar leblos wie eine Filmrequisite in ihrem Netz und wartete auf bessere Zeiten. Sofort schnappte ich mir mein Ipad, um ein Foto von ihr zu machen. Später als ich wieder nach Berlin zurück gekehrt meine Reisefotos sichtete, stellte ich ein merkwürdiges Phänomen fest. Nahezu alle Spinnen, die ich gesehen und fotografiert hatte, waren auf meinen Fotos unsichtbar. Sind die australischen Spinnen vielleicht doch irgendwie über drei Ecken mit Vampiren verwandt? Noch einmal beschleunigte sich freudig mein Herzschlag, als ich nach einigen Schritten ein weiteres Schild mit Zeichentrickkrokodil darauf erblickte. Dieses Schild zeigte auf einen Waldparkplatz, auf denen eine Hand voll Reptile Park Besucher parkten. Juhuu ! ich war jetzt einer von ihnen.

Schon stand ich vor dem Eingang des Parks und schmiss meine leere Coladose in einen Papierkorb.

Schon Wochen vor meiner Abreise in Berlin hatte ich keine Ahnung wie oft nachts im Bett gelegen und Videos von diesem Ort auf dem Ipad angesehen. Jetzt war ich hier, am einzigen Ort auf der Welt, an dem lebende Funnelwebspinnen gehalten werden. Das macht man übrigens ,weil es die derzeit einzige Möglichkeit ist, ein wirksames Gegengift herzustellen, falls jemand von dieser Spinne gebissen wird.

Der Reptile Park ist nicht sehr groß, wie ich schnell heraus fand. Man konnte ihn leicht in wenigen Minuten komplett durchqueren. Um ihn zu betreten ging es zunächst einen schmalen Weg entlang, der dicht neben einem kleinen Rinnsal nach unten zur Eingangshalle des Parks führte. In der Halle gab es Regale mit Büchern über die Pflanzen und Tiere des Regenwaldes. Ich merkte mir schon mal eines, auf dessen Buchdeckel eine Spinne abgebildet war, dann traute ich mich an einen der Schalter, um eine Eintrittskarte zu bezahlen. Der junge Mann, der mir die Karte verkaufte wollte wissen, ob ich zusammen mit dem Eintrittsgeld freiwillig einen kleinen Bonus für den Park spenden wolle. Hilfsbereit bejahte ich und schon ging es durch eine weitere Tür hinaus ins Freie und ich stand im Park.

Es stellte sich heraus, dass die Funnel Webs in dem gleichen Gebäude gehalten wurden, in das auch die Eingangshalle gebaut war. Man musste nur einen weiteren Eingang nehmen. Vorher sah ich mich kurz draußen um. Es gab hier einen schmalen Wassergraben und eine kleine Brücke, die zur von Freigehegen umrahmten Mitte des Parks führte, die man zu einem Kinderspielplatz umgebaut hatte. Auch Picknickbänke gab es und ein Hinweisschild, dass man hier auch gerne eine komplette Grillparty abhalten könne. Als ich meinen Kopf zurück drehte, um nach dem Eingang zu den Funnel Webs Ausschau zu halten, entdeckte ich zwei ziemlich große gruselig aussehende Spinnen, die links und rechts neben der kleinen Brücke ihre Netze in Büsche gewoben hatten, als würden sie die Brücke bewachen. Eine gehörte der Gattung Golden Orb Weaver an, wie meine späteren Nachforschungen ergaben. Solche Spinnen sind für Menschen vollkommen ungefährlich und übrigens sehr friedlich.

Niemand beachtete die beiden unheimlichen Wächter. Die gehörten genau so zum Park, wie ein Paar Dingohunde, einigen Koalabären, die tasmanische Teufeln, und natürlich das Krokodil Elvis, dessen Karikatur ich auf den Hinweisschildern, die mich hier her gebracht hatten gesehen hatte. Die meisten Abgrenzungen der Tiergehege schienen übrigens eher einem kann aber muss nicht - Standard zu entsprechen. Sowieso flogen und spazierten hier buntePapageien und einige Sittich- arten selbstbewusst und wohl genährt durch die Gegend. Futter und Trinkgefäße für sie gab es hier alle paar Meter. Das hielt die Tierchen jedoch nicht ab, in immer kleineren Kreisen um jene Besucher des Parks zu schleichen, die sich an einem Stand der ebenfalls in das Eingangsgebäude gebaut worden war einen Imbiss gekauft hatten.

 

Gerade kam eine junge Familie mit zwei kleine Kindern aus der Tür hinaus. Ich machte eine kleinen Schritt beiseite und linste in den Raum, in dem neben vielen anderen Spinnenarten auch die Funnel Webs gehalten wurden. Als ich den Raum betrat, hörte ich, wie in unregelmäßigen Abständen immer wieder das itzy bitzy-Spiderkinderlied über einen Lautsprecher angestimmt wurde. Das gehörte zu einer riesigen Spinnenattrappe, die sich wenn man sich ihr näherte automatisch in Bewegung setzte. Die Funnel Webs wurden in einem gesonderten Raum von der Größe eines Zeitungskiosks gehalten, den man in den Ausstellungsraum gebaut hatte. Es gab ein großes Fenster, über das man einen 32 Zoll-Flachbildschirm gehängt hatte. Zuerst sah ich nur auf das schemenhafte Bild dieses Monitors und erkannte ein paar grob gepixelte Konturen die zu einer Spinne gehörten. Dann sah ich durchs hell erleuchtete Fenster, hinter dem sich ein breiter Tisch befand, auf dem mehrere weiße Plastikbehälter mit durchlöcherten Deckel standen. Sie waren von Hand mit einem schwarzen Filzstift beschriftet wurden und hatten die Bezeichnung Male oder Female. In der Mitte des Tisches stand einer der Behälter, der ohne Deckel war. In diesen Behälter zeigte eine fingerdicke Kamera auf ein glänzendes, vollkommen in sich ruhendes Objekt.

Und jetzt erkannte ich Sie. Es war eine Funnel Web oder eben Trichternetztspinne. Die giftigste Spinne australiens nur eine Armlänge von mir entfernt.

Auch in den weißen Plastikbehältern, die teilweise auf dem Tisch standen, und sich teilweise hinter schwarzen Vorhängen in Regalen hinter dem Tisch befanden waren lebende Funnel Webs.

Die mussten ein ziemlich beschissenes Leben haben in diesen kleinen Behältern.

Auf einem Schild gab es eine Aufforderung, eine lebende Funnel Web dem Reptile Park zu übergeben, falls man einer begegnen sollte. Der Reptile Park demonstriert in einem Video auf seiner Homepage, wie man eine die Tiere fängt. Irgendwann war mir klar, dass ich so etwas niemals tun würde. Sollte ich so einer Spinne in der freien Natur begegnen, würde ich ein Foto von ihr machen und ihr anschließend einen guten Tag wünschen.

Die Spinne, die regungslos unter der Kamera in ihrem Behälter verharrte, hatte einen schwarz glänzenden Körper mit zwei geringelten Spinnwarzen. Voll ausgestreckt würde sie wahrscheinlich beinahe die Größe eines Tennisballes erreichen. Natürlich hatte ihre scheinbare Leblosigkeit etwas Lauerndes, aber was anderes, als in einem solchen Gefängnis Energie zu sparen, sollte die Spinne auch tun? Ich sah mich ein bisschen um und bekam einen Zettel in die Hand, auf dem ein Zeitplan für diesen Sonntag im Reptile Park aufgelistet war. Offensichtlich hatte ich das tägliche „Melken“ der Funnel Webs um etwa eine Stunde verpasst. Immerhin wurde auf dem Zettel für den Nachmittag eine Vorführung der Funnel Web und anderer Reptile Parktiere angekündigt.

Es war gerade erst Mittag geworden. Ich machte einen Rundgang im Spinnenraum, um mir ein paar andere Arten anzusehen. Man hatte ein hölzernes Außenklo in den Raum gebaut, dessen Tür offen stand. Es war nicht schwierig, den Grund für dieses ungewöhnliche Objekt zu finden. Im Inneren dieses Plumpsklos hingen künstliche Spinnweben, in denen riesige schwarze Plastikspinnen hockten.Offensichtlich war ich in den Teil des Raumes gelangt, in dem die Redbackspider gezeigt wird. Diese Spinne ist nicht größer als eine Kreuzspinne. Auf dem schwarzen Hinterleib hat die Redback eine rötliche Zeichnung,wegen der man der Spinne diesen Namen gab.

Redbacks sind mit den Black Widows – also den Schwarzen Witwen verwandt, die ein bisschen bekannter sind und von denen man weiß, dass sie giftig sind. Redbacks halten sich gerne in Plumpsklos auf, um hier Fliegen zu fangen. Im Gegensatz zu einer Funnel Web ist die Wahrscheinlichkeit, durch den Biss einer Redback zu sterben nicht besonders hoch. Die kleineren Männchen der Redbacks können einem Menschen überhaupt nicht gefährlich werden. Nur die Weibchen dieser Gattung sind groß genug, um einen Menschen beißen zu könne.

Bei den Funnel Webs ist das umgekehrt. Zwar sind bei dieser Spezies die Männchen kleiner als die Weibchen, aber immer noch groß genug, um einem Menschen einen sehr schmerzhaften und lebensgefährlichen Biss zu verabreichen. Das Gift der männlichen Funnel Webs ist bis zu sechs mal stärker, als das der Spinnendamen.

Die lebenden Redbacks hingen in ihren unregelmäßig gewebten Netzen und waren von den größeren Ausstellungsobjekten aus Plastik kaum zu unterscheiden. Den Redbacks hatte man ein paar Hohlblocksteine ins Terrarium gelegt, in denen sie sich häuslich eingerichtet hatten.

 

Ich sah mir auch noch ein paar Huntsmenspinnen an, die wegen ihrer Größe schon etwas Furcht einflößend waren. Aber ihr Körperbau erinnerte mich irgendwie an Krabben, nicht so sehr an mehrbeinige Giftspritzen.

Auf einem Schild war zu lesen, dass die Huntsmen in großen Kolonien zu mehreren hundert Exemplaren zusammen gerne unter loser Baumrinde lebt. Als jemand, der große Mühe hat, die entsprechende Filmstelle in einem Harry Potter – Teil ohne Herzinfarkt über sich ergehen zu lassen, ging ich lieber schnell weiter in Richtung Ausgang.

Bevor ich den Ausstellungsraum verließ, fiel mein Blick noch auf einige Fotos, die Teil eines Zeitungsartikels waren, den man hinter einer Glasscheibe an die Wand gehängt hatte.

Vor einigen Jahren war das Grundstück eines australischen Reihenhausbewohners von einer großen Zahl giftiger Spinnen der Gattung Mouse Spider befallen. Schließlich untersagte der Mann seiner kleinen Tochter, im Garten zu spielen, der zum Haus gehörte, weil dort überall diese Spinnen waren. Beinahe täglich fing der Mann ein oder mehrere dieser Exemplare, deren Biss übrigens ähnlich gefährlich ist, wie der von Funnel Webs. Fürs erste war mein Wissensdurst gestillt und ich ging zur Tür hinaus ins Freie. Lange brauchte ich nicht zu überlegen, welchen Weg ich einschlagen sollte. Wenige Schritte von mir entfernt sah ich ein paar Parkbesucher, die zusammen mit ihren kleinen Kindern Kängurus und einfach so in der Gegend herum stolzierende Emus fütterten.

Hochgradig entzückt gesellte ich mich für ein Weilchen zu dieser Gruppe, und bekam schnell eine freßlustige Kängurunase zu fassen. Das dazu gehörige Tier hatte zwar keine große Lust, von mir gestreichelt zu werden, roch aber kurz leicht gelangweilt an meiner Hand um nach einem Leckerbissen zu suchen. Vor dem Schnabel des Emus, der grade dicht an mir vorbei lief, hielt ich mich sicherheitshalber fern. Ich wartete, bis der große Vogel an mir vorbei gelatscht war und strich ihm vorsichtig übers Federkleid. Es fühlte sich ein bisschen speckig an. Dann hüpfte ein Kängurukind auf eine von einer japanischen Touristin hin gehaltene Papiertüte zu. Da die Frau nur einen Schritt von mir entfernt stand, fiel ich schlagartig in mich zusammen, um das Kängurukind gebührend zu begrüßen. Dabei konnte ich nicht verhindern, dass meine Stimme Laute in peinlicher Babysprache in ziemlich lückenhaften schulenglisch regelrecht aus mir heraus feuerte.

Sprach das Tier überhaupt englisch? Die Kängurus hatten einen Platz hinter einem zur Absperrung quer gelegten Holzstamm. Hierher konnten sie sich jederzeit zurück ziehen, falls sie keine Lust mehr auf das Füttern und die Streicheleinheiten von Touristen hatten. Ich lief noch ein Stückchen weiter durch den Park zu einer Stelle, an der die Schatten spendenden Bäume ein wenig dichter beieinander standen. Hier setzte ich mich auf eine Bank vor einen großen Vogelkäfig. Schwarzweiß gestreifte langbeinige Vögel stolzierten in Vierergruppe vor mir durch den Käfig, als wollen sie mich begrüßen. Freundlich grüßte ich die fremdartigen Piepser zurück und schaffte es wieder nicht, meine eingebaute Babysprache abzuschalten.

Wäre ich den Weg am Vogelkäfig weiter gegangen, hätte ich sicher nach ein paar Minuten Fußmarsch den Old Sydney Town betreten und besichtigen können. Leider war der aber aus Kostengründen vor einigen Jahren still gelegt worden.

Die Uhr auf meinem Ipad zeigte an, dass in einer Viertelstunde die große Vorführung einiger Reptileparkbewohner bevorstand. Ich kehrte um und lief ein bisschen ziellos umher. Auf einer kleinen Holzbrücke kam mir eine junge Frau in Uniform entgegen. An einer Leine lief neben ihr ein Hund, den ich vorher noch in einem der Freigehege gesehen hatte. Auf der Brücke blieb die Frau stehen, um mit einem kleinen Mädchen zu reden, das zusammen mit ihrer Familie neugierig den Hund begutachtete. Ich gesellte mich dazu und die junge Frau in Parkrangeruniform erklärte, dass das Tier am anderen Ende der Leine eine Dingohündin sei. Vorsichtig streichelte ich das sehr freundliche Lebewesen und als ich mich zu ihr herunter beugte, berührte sie mein Gesicht mit ihrer feuchten Nase. Dann gab sie mir einen Kuss und ich hatte jetzt eine neue Freundin am anderen Ende meiner Welt. Um mich herum bewegten sich Parkbesucher in kleinen Gruppen zurück zum Hauptgebäude, an dessen Seite es eine Art Manege gab. Es wurde Zeit , zur Vorführung zu gehen, also lief ich der Gruppe hinterher und suchte mir einen Stehplatz ganz vorn hinter der Absperrung.

Auch diese Absperrung war anscheinend ,obwohl man gleich sehr giftige lebende Regenwaldbewohner zeigen würde, nicht wirklich als Grenze gemeint. Die Leute lehnten sich weit über die Barriere. Einige Besucher hatten sogar ihre kleinen Kinder auf der Absperrung Platz nehmen lassen und die kleinen nackten Beinchen baumelten in der Manege. Dann war es so weit.

Nach einem tiefen Feedbackgeknurre aus einem der an allen Seiten der Manege aufgehängten Lautsprechern erklang die Stimme eines Mannes. Der Mann war schlank und hatte graues, welliges Haar und einen Weihnachtsbannbart. Auch er trug diese kurzärmlige kakifarbene Parkrangeruniform. Der Mann war der Besitzer des Reptile Parks. In der Hand hielt er einen dieser Plastikbehälter, die ich schon aus dem Spinnenhaus kannte. Darin hockte eine weibliche Funnel Web. Der Mann lief gemächlich in der Manege hin und her und erklärte, warum es so wichtig sei, dem Park lebende Funnel Webs zu übergeben. Um einen Menschen der gebissen wurde mit ausreichend Gegengift zu versorgen, braucht es mehrere Dosen. Dieses Gegengift, das man aus dem Gift der Funnel Webs, hat man sie gemolken über ein aufwändiges Verfahren generiert, ist zudem nicht lange lagerfähig. Der Besitzer sagte, um ausreichend Gegengift zu produzieren, müsste der Reptile Park etwa fünfhundert der lebenden Giftspritzen beherbergen. Gegenwärtig hätten sie aber nur etwa dreihundert Spinnen. Niemand möchte sich vorstellen, dass diese einzigartigen Erdbewohner gleichzeitig ihre Plastikgefängnisse verlassen, und das Parkgelände überschwemmen.

Diesen Gedanken hatte ich allerdings viel später, als ich längst wieder zu Hause in Berlin meine Katzen streichelte. Inzwischen hatte der Mann den Behälter in seiner Hand geöffnet und hielt zuerst seine Hand und dann auch noch sein Gesicht direkt über den Behälter. Dabei erklärte er, dass eine Funnel Web weder springen, noch aus einem solchen Behälter heraus klettern könnte.

Beweisen Sie mir das Gegenteil und ich zahle Ihnen sofort Hunderttausend“ Ich beschloss, dem Mann aufs Wort zu glauben und hoffte, mich hier nicht zu irren. Der Mann lief nämlich kurz darauf mit ausgestreckten Arm eine Runde dicht an der Absperrung der Manege entlang, um jedem der es wollte die tödliche Spinnendame in seiner Hand aus allernächster Nähe zu zeigen. Als er an mir vorbei lief bewegte sich die Spinne ein bisschen in ihrem Plastikgefängnis. Eines stand fest: Niemals würde ich meine Angst vor solchen Krabblern komplett verlieren, aber in diesem Moment fühlte ich mich kein bisschen ängstlich. Ich fühlte mich lebendig, wie lange nicht mehr. Das war bestimmt nicht, weil mein Organismus gerade besonders viel Adrenalin ausschüttete. Es war vielmehr das Gefühl was sich einstellt, wenn man ein Ziel erreicht hat.

 

 

 

 

Wird fortgesetzt...

 

 

 

 

 

 

 

Hier ein paar Videos aus meiner Zeit in Sydney und im nicht weit von Sydney entfernten Gosford auf der Suche nach der legendären Funnel Web Spider

Die Fotos sind noch etwas chaotisch dran gepappt aber daran werde ich arbeiten

Sag Deinen Ängsten guten Tag