Nach Australien wollte ich unbedingt mal irgendwann.Das Land sehen, in dem die gefährliche Trichternetztspinne lebt.

Über sie hatte ich zum ersten Mal vor vielen Jahrzehnten in eine kurze Notiz in der Zeitschrift Sputnik gelesen. Boah eine Giftspinne, die es schafft durch die Spitze eines Turnschuhes zu beissen. Das  erschreckte mich ebenso, wie es mich gleichzeitig faszinierte. Irgendwann wusste ich, dass ich so ein Lebewesen aus der Nähe sehen wollte. Im Berliner Zoo oder im Tierpark gibt es keine Funnel Webs.

Also auf nach Australien.

Ich hatte lange Zeit keine Ahnung, wie ich das Geld für eine Reise ins Land dieser Spinne zusammen bekommen sollte.

Eines Tages kam mir mein Arbeitgeber zu Hilfe. Er schloss aus Kostengründen den Laden, in dem ich zwanzig Jahre als Verkäufer gearbeitet hatte. Mir wurde eine gute Abfindung gezahlt und Zeit hatte ich plötzlich auch für diese Reise.

Kaum hatte ich von meiner künftigen Freistellung erfahren, begann ich im Internet nachzuforschen, wo in Australien die größte Chance für mich bestand, den Lebensraum der Funnelwebspider aus nächster Nähe anzuschauen.

Überraschenderweise lebt die gefährlichste Art dieser Trichternetzspinne im Großraum von Sydney.

Ich fand auch heraus, dass es weniger als zwei Zugstunden entfernt von Sydney eine Art Zoo gibt, in dem lebenden Funnelwebs gehalten werden. Es ist der Reptile Park in Somersby, das nur zehn Kilometer entfernt von der Kleinstadt Gosford liegt. Jetzt wusste ich, wie ich meine Reise zu planen hatte. Ich würde zunächst zwei Tage in einem billigen Hotel in Sydney übernachten, um mich vom Jetlag zu erholen. Dann würde ich mit dem Zug weiter nach Gosford fahren und in den folgenden drei Wochen abwechselnd Ausflüge zum Reptile Park nach Somersby machen und einige Vororte Sydneys besuchen.

In den letzten Jahren waren Funnelwebspiders vorwiegend an folgenden Orten häufiger entdeckt worden.

Frenches Forest, Balgowlah Heights und auf dem Hornsby Platoe. Alles ganz in der Nähe von Sydney.

Es gibt jede Menge Fotos von diesen Orten. Auch diese ganz neuen komfortablen auf Googlemaps. Hier kann man gut virtuellen Spaziergänge durch diese Gegenden machen. Was man auf diesen Bildern zu sehen bekommt, sind meistens diese typischen von Menschen bewohnten Vororte mit zweistöckigen Familienhäusern ordentlichen Wegen, beschaulichen Straßen und angelegten Blumenbeeten, Wiesen und Hecken. Man sieht auch überall Rindenmulch herum liegen, aber der sieht eher angeordnet aus, wie Streugut aus dem Legoland.

Menschen haben diesen ihren Lebensraum in den der giftigen Tiere gebaut. Rein optisch ist eine solche Umgebung kaum von dem zu unterscheiden, was es fast überall am äußeren Rand von Großstädten gibt, abgesehen von den Bäumen und Pflanzen, die natürlich an  Australiens Ostküste anders aussehen.

 

Die Entscheidung war gefallen. Eine Freundin die gut im organisieren ist, stellte mir meine Flüge zusammen und buchte die Hotels für mich. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Es ist noch gar nicht lange her, da war der Gedanke, wieder in ein Flugzeug zu steigen äußerst unangenehm für mich. Der normalen Flugangst stand nämlich irgendwann in meinem Leben ein Sortiment an Panikattacken wegen Platzangst  zur Seite, die mir besonders das Reiseleben ordentlich erschwerte.   

Eine Freundin von mir, die als Suchtberaterin in Berlin arbeitet hatte mir bei einem persönlichen Gespräch etwas über Panikattacken verraten, das mir zumindest bei meinen eher kurzen Flügen nach London, Barcelona und Ägypten sehr geholfen hatte. Solche Anfälle kommen in Schüben, die irgendwann schwächer werden. 

Aber wie werde ich mich fühlen, wenn ich so lange in einem Flugzeug sitze?

Die 7-stündigen Flüge nach New York hatte ich immerhin schon einige Male mehr oder weniger erfolgreich hinter mich gebracht, aber das war ja Jahre bevor mich diese Anfälle zu beherrschen versuchten. Panikattacken sind Zustände, die einen auch gerne Male im Laufe der Jahre umschlingen, bis man immer weniger Luft bekommt. Kümmert man sich nicht um sie, neigt man gerne dazu, mittels Vermeidungsstrategien, laufend die eigenen Möglichkeiten zu verkleinern.

 

Aber ich möchte ja möglichst frei sein, in dem was ich tue und lasse.

 

Ich bin ein neugieriger Mensch und meine Neugierde war schon immer größer, als all meine Ängste. 

So entschloss ich mich eben zu dieser weiten Reise an die australische Ostküste. Erstens konnte ich auf dieser Reise an meiner Platzangst in Flugzeugen arbeiten und würde zweitens ergründen können, wie ich mich beim Spazieren durch eine Gegend fühle, wo theoretisch hinter jeder Ecke ein giftiges Tier lauern könnte. Das hatte ich in den letzten Jahren häufig geträumt und fühlte mich in diesen Träumen je  öfter sie sich wiederholten, eigentlich immer seltener ängstlich, sondern eben viel eher neugierig. Ich glaube ja schon lange, dass viele Träume etwas bedeuten. Wahrscheinlich ist das sogar wissenschaftlich begründbar. 

Also folge ich meinen Intuitionen immer häufiger und verlasse mich darauf, dass sie mich irgendwo hin führen, wo ich auch sein möchte. Also, auf geht´s

 

Boah! In den Tagen kurz vor meinem Abflug griff besonders Abends vor dem Einschlafen die Panik nach mir. Wie halte ich es aus, für so viele Stunden in insgesamt drei Flugzeugen zu sitzen, auf einem engen Sitz in der Touristenklasse? Mein Problem beim Fliegen ist wie erwähnt nicht mehr so sehr die Angst vor einem Absturz. Es ist eher die Angst vor der Enge im Flugzeug, das sichere Wissen, in Zehntausend Meter über dem Meer nicht einfach mal aussteigen zu können.

 

So kam dann der Tag meiner Abreise im April. Meine Lebensgefährtin fuhr mich in unserem angebeulten, längst in die Jahre gekommenen Renault Megane zum Flughafen Tegel. In Berlin schneite es an diesem Vormittag noch ganz ordentlich. Ich saß auf dem Beifahrersitz und umklammerte meinen Rucksack, emsig bemüht, meine Mappe mit den Reiseunterlagen nicht fallen zu lassen. Nicht mehr lange, und ich würde im Flugzeug nach Paris sitzen, um von dort aus zunächst nach Abu Dhabi zu fliegen und dann über das Meer und auf das australische Festland nach Sydney, am anderen Ende der Welt. Den Flug nach Paris würde ich trotz meiner bereits im Startloch lauernden Panik schon noch irgendwie bewältigen, da war ich mir relativ sicher. Eine Stunde Flug heißt ja, kaum ist man in der Luft und hat eines der Bordgetränke und einen kleinen Imbiss zu sich genommen, befindet man sich schon wieder im Landeanflug. Die Frage war nur, würde ich in Paris in das nächste Flugzeug steigen, um erst mal den 6-stündigen Flug nach Abu Dhabi zu schaffen? So weit war ich ja früher auch schon auf meinen New York Reisen geflogen. Nur hatte ich da ja damals auch noch nicht die bescheuerten Panikattacken, sondern ganz normale Flugangst, die sich immer einigermaßen in den Griff bekommen ließ. Was würde sein, wenn ich in Paris solch eine Panik bekäme und dann überhaupt kein weiteres Flugzeug besteigen könnte, sondern womöglich von dort aus mit dem Zug nach Berlin zurück.

Menschen, die auf solche oder ähnliche Art Flugreisen abgebrochen hatten gab es. Gehörte ich mittlerweile etwa zu ihnen? Immerhin hatte ich mir eine Strategie für die langen Flüge zurecht gelegt. Medikamente zur Beruhigung schieden aus und Alkohol trinke ich keinen. Also versuchte ich etwas anderes.

Zunächst mal schraubte ich am Flugtag meinen Kaffeekonsum zurück.

Zweitens hatte ich vor, aufkommenden Angstanfällen nicht nur durch permanente Ablenkung zu begegnen, sondern sie ab und an zu zu lassen und durch intensives Atmen zu kontrollieren. 

So stellte ich mich dann also halbwegs guten Mutes in die Schlange an den Schalter der Air France.

Dabei guckte ich mir die anderen Passagiere genau an. Die zogen gemächlich ihre Kinder und Koffer Schritt um Schritt weiter. Manch einer sah gelangweilt seine Papiere durch. Niemand schien sich Sorgen zu machen. Also nahm ich noch einmal einen besonders tiefen Atemzug, probierte verstohlen ein Lächeln auf mein Gesicht zu bekommen und rastete in meinen persönlichen Wartemodus ein. Nach etwa einer Viertelstunde bewegte sich die Schlange vor mir. Aber nicht in Richtung Abfertigungsschalter, sondern nach links und rechts. Ein uniformierter Mann nuschelte uns eilig mit starken Air france- Akzent entgegen, unser Flug sei anscheinend überbucht. Er breitete die Arme aus und teilte unsere Warteschlange in zwei Haufen auf. Ich gehörte zu denen, die beiseite gehen und gesondert warten sollten. Dadurch änderte sich spontan der Grund aus dem mein Herz diagonal in meinem Körper hoppelte. Jetzt hatte ich nämlich Sorge, überhaupt in ein Flugzeug zu gelangen.

Reisefieber füllte meinen Organismus wie zu heißer Kaffee. Der Uniformierte lief mit wichtigem Dienstgesicht alle paar Minuten an uns ratlos wartenden vorbei, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Trotzdem schien sein Tun etwas bewirkt zu haben, denn wenige zehn Minuten später stapfte ich über den Textilbodenbelag eines Flugzeugs und quetschte mich auf meinen Fensterplatz.

Es folgten zwei Panikschübe. Der erste, als sich der Gang mit so vielen Passagieren füllte, dass ab jetzt ein Aussteigen kaum noch möglich sein würde.

Der zweite Schub raste als Meterhohe Welle auf mich zu, als die Flugzeugtüren geschlossen wurden.

Ich zerrte meinen Sicherheitsgurt  etwas fester und stellte es mir irgendwie gut vor, wenn mich jetzt jemand einfach an meinen Sitz fesseln würde.

Dann wäre es mir nicht mehr möglich, aufzuspringen und meiner Panik das Kommando zu überlassen.

Blick durchs Fenster. Es beruhigte mich  irgendwie, dass außerhalb meines Gefängnisses noch Weite vorhanden war. Dazu noch ein paar schwankende Schneeflocken. Der Berliner Winter sagte auf Wiedersehen. Das Flugzeug sauste los und jetzt war vorerst an Aussteigen nicht zu denken.

Gipfelhöhe  zehntausend Meter. Eigentlich gehörte es nicht zu meiner geplanten Strategie, jetzt mein Notizbüchlein aufzublättern und Reiseeindrücke aufzuschreiben. Es funktionierte aber so gut wie kein alkoholisches Getränk und kein Medikament. Dazu ließ ich mir ausnahmsweise statt Kaffee einen Tee zur Beruhigung von der hübschen, freundlichen Stewardess reichen. Wir waren gar nicht lange irgendwo zwischen zu Hause und Paris unterwegs.

Schon knackte es wieder leise beim Schlucken, und das bedeutet, wir waren schon wieder im Landeanflug.

Das Wetter in Paris fühlte sich ein bisschen milder und nasser an , als zu Hause. Ich sah Pfützen und umgefallenen Rasen auf grauem Hintergrund. Bei der Landung war kein Eiffelturm zu sehen, aber wegen dem war ich heute ja auch nicht unterwegs. Raus aus der Aluminiumröhre und wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, fühlte sich gut an. Hatte ich noch ausreichend Zeit, ins nächste Flugzeug zu steigen?

Erst mal suchte ich die Taxfreeshops nach einer Speicherkarte für meine Actioncam ab. Ausnahmsweise ein Belohnungskaffee wäre jetzt nicht schlecht gewesen, aber sparen war angesagt. Meine schmale Reisekasse würde noch genug zu verkraften bekommen. Zeit zum Umsteigen ins Flugzeug nach Abu Dhabi war genug eingeplant, aber der Betrieb auf internationalen Flughäfen frisst immer jede Reserveminute bis auf einen spärlichen Rest. Dieses Phänomen kannte ich allerdings auch vom Autofahren durch die zahlreichen Berliner Staugebiete. Mit dem Finger auf meinen Reiseunterlagen ging ich nickend und mich selbst beruhigend vor mich hin murmelnd von einer alphanumerischen Flughafenkoordinate zur nächsten. Ich war so lange sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, bis mir ein groß gewachsener auch für Pariser Verhältnisse sehr fremdländisch aussehender Mann den Weg versperrte.

Mit knapper dienstlicher Freundlichkeit erklärte er mir, dass ich irgendwo neu einchecken müsse. Da wir beide nur mäßiges englisch sprachen, verdoppelte sich mein Herzschlag innerhalb weniger Atemzüge. Von jetzt ab begann ich immer lauter vor mich hinschimpfend auf dem riesigen Charles de Gaulle-Flughafen hin und her zu irren.

Ich suchte und fand schließlich einen Informationsschalter und stürmte auf ihn zu. Ich hoffte, dort würde ich auf eine nicht zu lange Warteschlange stoßen und war zunächst erfreut, dass dort überhaupt niemand wartete. Als ich näher an den Schalter trat, konnte ich in drei Sprachen auf einem Schild den Grund lesen. Der Schalter war geschlossen.

Es gab einen Hinweis und einen Pfeil, der in eine eher unbestimmbare Richtung wies. Ich rannte jetzt schon beinahe und meine Füße schwitzten jetzt bedenklich und überhaupt  nicht weltmännisch. Nach ich weiß nicht wie viel Minuten fand ich endlich den anderen Informationsschalter, um fest zu stellen, dass auch der geschlossen war. Ich flitzte weiter zu einer Rolltreppe an deren Ende eine Glastür war, weil dort ein weiterer fremdländisch aussehender Mann stand,  der mir vielleicht helfen würde.

Hektisch fledderte ich vor ihm meine Reiseunterlagen hin und her und fragte ihn, ob ich durch die Tür, die er bewachte irgendwo hin gelangen könnte, um noch rechtzeitig meinen Flug zu erreichen. Der Mann sagte irgend etwas in zwei oder drei Sätzen zu mir. Ich verstand kein Wort und passierte dankend die Tür. Jetzt hatte ich das Gefühl. komplett falsch zu sein. Ich stand jetzt nämlich wie ich glaubte in einer Halle, die zum äußeren Kreis der Abfertigungshallen gehörte. OMG! Ich war jetzt nicht mehr drinnen, sondern draußen. Die nächsten Rolltreppen nahm ich jetzt mit immer riskanteren Manövern. Welche Richtung sollte ich nur nehmen? Nichts fühlte sich richtig an.

Ich fluchte jetzt so laut, dass man mich ohne Probleme zehn Meter weit hören konnte. In diesen Augenblicken hatte das sein Gutes. Ein Mann mit Hut und österreichischen Akzent erbarmte sich meiner, sah kurz auf meine Papiere und zeigte zu einer Tür, die ins Freie führte. Jetzt raste ich schnell wie ein Fahrrad diagonal auf die andere Seite des Flughafens und zerrte mein Gepäck über Hindernisse, die eigentlich nicht zum Überqueren gedacht waren. Auf einem Parkplatz, wenige Schritte von der nächsten Glastür entfernt, hörte ich einen obdachlosen Mann noch lauter als mich selbst schimpfen. Er war wegen weiß der Himmel was vollkommen aufgebracht und trat lautstark gegen ein paar parkende Autos. Tja, viel anders, als dieser arme Tropf fühlte ich mich ja in diesen Augenblicken selbst nicht.

Und dann öffnete sich der Himmel. Ich stand kurz drauf am Ende einer langen Schlange unter einer elektronischen Anzeige, auf der mein Flug nach Abu Dhabi angekündigt wurde. Zudem lief eine junge Frau in der Uniform meiner arabischen Fluggesellschaft zwischen den Passagieren hin und her, um deren Papiere zu inspizieren.

Als sie lächelnd meine Unterlagen durchsah und mir bestätigte, ich würde an der genau richtigen Schlange warten, hätte ich sie mir am liebsten unter den Arm geklemmt und mit auf meine Reise genommen. Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte das Reisefieber meine Angst vor Panikattacken fast vollständig eliminiert. Wie spricht der Volksmund ganz richtig? Wo Haie sind, sind keine Krokodile.

 

Ok,nichts wie rein in das nächste Flugzeug. Hier war jetzt ein bisschen mehr Platz. Die Zeit bis zum Start vertrieb ich mir damit, die neu gekaufte Speicherkarte in meine Actioncam zu stecken und die Kamera mit dem USB-Anschluß an meinem Entertainment-Terminal zu verbinden. Testweise probierte ich dann den Startknopf an der Kamera aus.

Die piepste beim Hochfahren aber so laut, dass ich sie erst Mal wieder ausschaltete.

Ich schnappte mir lieber mein Buch und versuchte meine beklemmende Gefängnisumgebung durch Lesen zu ignorieren. Auf ging es zur ersten knapp siebenstündigen Etappe nach Abu Dhabi. Als unser Flugzeug in der Luft war, streichelte ich es heimlich, um mich bei ihm zu bedanken. Technik besteht nur zu 89 Prozent aus berechenbaren Baugruppen und Teilen. Der Rest ist Seele richtig? Mein Sitznachbar hatte bereits seinen Kopfhörer auf und schaltete sich durch die Kanäle des Bordentertainments. Das wollte ich ihm sofort nachmachen, konnte aber trotz intensiver Suche keine Buchse für meinen in einer Tüte verschweißten Kopfhörer entdecken. Ich suchte überall, auch in der Sitzlehne und sogar unter meinem Sitz. Verstohlen beobachtet ich meinen Nachbarn, aber sein Kopfhörerkabel schien irgendwo in seiner Kleidung zu verschwinden. Die Stewardess wollte ich nicht fragen, also blieb mir nur, meine aufkommende Panik mit anderen Mitteln abzuwehren. Schon kam nämlich jetzt eine große und dann eine sehr große Welle von Ausnahmezustand auf mich zugerast. Meine Hände begannen, zu schwitzen. Sie wurden so feucht, dass ich irgendwann später sogar in meinen Händen Krämpfe bekam. Das war ganz klar Magnesiummangel vom vielen Schwitzen.

 Zusätzlich merkte ich auch schnell, dass ich mit Hilfe meiner Körperhaltung Panik verstärken aber auch abschwächen kann. Zum Beispiel machte es für mich einen Unterschied, ob ich während eines Angstschubes meine Fäuste ballte, oder die Hände offen ließ. Ballte ich die Fäuste, schwitzten meine Hände noch stärker und das verstärkte meine Panik nur. Mit diesem neu erworbenen Wissen hielt ich jetzt , so bald ich merkte, dass meine Hände zu schwitzen begannen, meine Handflächen einfach flach nach oben, wischte sie ab und ließ sie in der Aircondition des Flugzeuges zu Ende trocknen.

Mein Bordentertainment schaltete ich mit seiner Kabelfernbedienung auf Geovision. Jetzt konnte ich die Position unseres Flugzeugs auf einer Weltkarte verfolgen. Aha, wir flogen jetzt erst Mal grob Richtung Bukarest und dann an Ankara vorbei. Irgendwo weiter links auf der Karte stand Minsk. Wir flogen abwechselnd über Land und über Meer. Mein Herz schlug jetzt schon deutlich weniger wild.

Außerdem kam jetzt wieder eine Stewardess mit Kopftuch vorbei. Sie stellte mir ein Menü zusammen mit einer Kapsel eiskalten Wassers auf meinen winzigen Klapptisch. Jetzt bestand meine Ablenkung darin, mit nach oben gezogenen Schultern mein Besteck im spitzen Winkel nach unten gerichtet mein Essen zu zerlegen. Dabei achtete ich sehr darauf, nichts herunter zu schmeißen oder zu verschütten. Sorgfältig schmierte ich mir auch das kleine Brötchen und gabelte dazu Gurkenscheiben und Karottenstreifen in meinen Mund. Ja, Hunger hatte ich inzwischen und es verging ja etwas von der unendlich langen Flugzeit, wenn ich jetzt schön langsam machte.

Als die Stewardess noch einmal vorbei kam, um meinen Müll einzusammeln, fragte ich sie nach einem Kaffee.

Den gab es aber jetzt erst Mal gar nicht. Ich wurde gebeten, den Sonnenschutz an meinem Fenster nach unten zu ziehen. An Bord wurde jetzt das Licht gedimmt und so eine künstliche Nacht erzeugt.

Ich probierte also, ein bisschen zu schlafen. Wenn ich bei diesem Unternehmen erfolgreich gewesen sein sollte, dann vermutlich nur Viertelstundenweise. Müde vom Reisefieber und den jetzt größtenteils überwundenen Panikschüben war ich ja inzwischen. Mir machte es nicht einmal viel aus, als unsere Maschine plötzlich für einige Minuten durch mächtige Luftlöcher torkelte und jemand vom Bordpersonal eilig an mir vorbei lief und im vorderen Bereich des Flugzeuges hinter einem Vorhang verschwand. Ich griff wieder nach meinem Buch und las ein paar Seiten.

Zwischendurch schob ich die Sichtblende meines Fensters ein Stückchen nach oben. Draußen war es inzwischen finstere Nacht geworden. Die Außenwelt bestand jetzt nur noch aus der blinkenden Positionsleuchte einer Tragflächenspitze.

Nächster Schlafversuch. Vernebeln die eigentlich irgendwelche beruhigenden Pheremone über die Aircondition an Board? Das würde erklären, wieso alles Passagiere inclusive mir in so eine kollektive Lethargie gedriftet waren.

Beim Tierarzt wird ja so was schon lange gemacht, damit Hunde, Katzen und Vögel nicht im Wartezimmer übereinander herfallen.

So ging der Flug für mich jetzt eine ganze Weile weiter. Eine nicht ganz so unbequeme Sitzposition finden, Einschlafversuch, gähnen, sich im Sitz strecken, Blick auf die Geovisionsanzeige, nächster Einschlafversuch. Kurz die Sichtblende des Fensters nach oben schieben und den Horizont nach einem Streifen Tageslicht absuchen. Immer noch flogen wir über dem Meer, jetzt langsam in Richtung Baghdad. 

Unter uns konnte ich einige kleine Inseln erkennen, zwischen denen helle, orangefarbene Lichter strahlten. Waren das brennende Ölfelder, die nach dem letzten Golfkrieg noch niemand gelöscht hatte? Ich versuchte mich noch ein oder zweimal auf meinem Platz zusammen zu rollen und ein bisschen zu schlafen, aber das gelang mir nicht. Also tat ich einen weiteren Blick aus dem  Bordfenster. Jetzt war am Horizont so etwas wie ein auf die Seite gelegter orangefarbener Sichelmond zu erkennen. Zuerst leuchtete er noch mit der Wagheit einer Halluzination, wurde aber nach und nach realer. Die Boardbeleuchtung im Flugzeug wurde jetzt sekündlich heller. Immer mehr Köpfe bewegten sich träge in den Sitzreihen. Es roch nach Kaffee und Frühstück. Jetzt füllte sich auch mein Fenster langsam mit kräftiger werdenden Morgenlicht, zuerst noch rötlich, dann immer schneller helles blau. Wir überflogen jetzt eine Küstenlinie einem sonnigen Tag entgegen. Nur noch ganz wenige tausend Meter später sah ich einen komplett von sommerlichen Morgenlicht gezeichneten Flughafen. Wir sausten an einem protzigen Gebäude das von großem Reichtum zeugte auf unsere Landebahn zu. Die zweite Etappe Richtung Sydney war geschafft. Dieses Mal fand ich trotz meiner Müdigkeit das Gate für meinen Anschlussflug nach Australien mühelos. Die Sonne auf der anderen Seite der Flughafenfenster schien jetzt schon mehr Kraft zu haben, als die Aircondition des Flughafens. Ich zerrte mein Gepäck auf eine freie Doppelbank, die zu meinem Terminal gehörte. Es war noch viel Zeit, bis ich ins nächste Flugzeug steigen würde. Ich verband mein Ipad mit dem Flughafen W-Lan und guckte auf Facebook, was sich in Berlin so tat. Dazu machte ich mit dem Tablet ein Foto und sah nach, ob das jemand in der Heimat kommentierte. Wie spät war es da eigentlich jetzt?

Eine Facebookfreundin meldete sich schnell und wollte wissen, mit wem ich unterwegs sei. Als ich erwiderte, ich sei allein auf Reisen , erwähnte sie eine ihrer weiblichen Bekanntschaften in Sidney, die aus Deutschland dort hin gezogen war. Sie bot mir an, für mich den Kontakt ihrer Bekannten herzustellen. Als ich darüber nachdachte merkte ich, wie ich über die letzten Jahre zum Eigenbrödler geworden war. Zwar hätte ich gut jemanden auf meinen beabsichtigten Ausflügen zu den giftigen Funnel Webspinnen sicherheitshalber als Begleitung gebrauchen können, aber mehr Gesellschaft wollte ich gar nicht. So ließen wir das Thema und ich bekam stattdessen eine gute Reise gewünscht.

Langsam füllte sich die Wartezone mit Fluggästen. Leute in Uniformen kamen und forderten uns auf, uns in einer Reihe zum Checkin aufzustellen. Als ich anschließend das Flugzeug betrat war ich begeistert, wie komfortabel es innen ausgestattet war und wie viel Platz es gab. Leider waren das aber die Sitzgruppen der ersten Klasse, an denen ich freundlich lächelnd vorbei zu einem Vorhang geführt wurde. Auf dessen anderer Seite ging es ein paar Schritte weiter zu meinem nächsten Fensterplatz. Der Platz neben mir blieb frei. Auf den Sitz am Gang setzte sich eine freundlich aussehende Frau, die anscheinend auf dem Weg zurück in ihre Heimat war. Flugbegleiterinnen mit Kopftüchern liefen durch die Gänge und kontrollierten unsere Sitzpositionen. Nun begann der längste Flug meines Lebens.

Wenn ich jetzt, einige Kilometer über dem Meer auf diesem Langstreckenflug die Nerven verlieren würde, gäbe es kein Entrinnen mehr. Jetzt konnte mich nur noch ein Flugmarshall ruhig stellen. Da das wohl kaum eine Möglichkeit für mich war, kämpfte ich mit jedem Atemzug um meine Selbstbeherrschung.

Als erstes erlaubte ich mir ein paar Ablenkungsmanöver, die mich für einige Viertelstunden beruhigen würden.

Also richtete ich mich mit ein paar sparsamen Handgriffen in meinem Vierzehnstundengefängnis ein. Dann sah ich nach, ob ich mit meinem Handy oder dem Ipad Zugriff aufs Airline W-Lan bekam. Danach suchte ich nach dem Anschluß für meinen Kopfhörer.

Den fand ich dieses Mal ohne Schwierigkeiten. Mein aus Berlin mitgebrachtes Nackenkissen hatte ich anscheinend im letzten Flieger liegen gelassen. Ich guckte aus dem Fenster. Unter uns war nur Wasser zu sehen, der Himmel bestand aus fehlerfreiem Blau. Ich suchte mir auf dem Multifunktionsbildschirm der zu meinem Platz gehörte einen Science Fictionfilm aus. Den sah  ich zur Hälfte und schlief dann endlich für ein Weilchen ein.

Als ich wieder wach wurde fühlte ich mich wirklich ein kleines bisschen erfrischt. Ich schaltete den in meinem Vordersitz eingebauten Bildschirm, auf dem mein angefangener Spielfilm auf mich wartete auf Geovision um.

Kaum mehr als zwei Stündchen hatte ich verschlafen. Blieben immer noch eine zweistellige Anzahl an Flugstunden übrig. Mein Herz raste wieder bis knapp unters Kinn. Zum Glück glitten jetzt wieder die kopfbetuchten Flugbegleiterinnen durch die Gänge. Ich als Vegetarierer bekam mein Essen zusammen mit einem Kärtchen auf dem mein Name stand als Erster. Auch gab es endlich einen Kaffee für mich. Für Kaffee einer arabischen Fluggesellschaft schmeckte  der in meiner Tasse zwar ein bisschen unspektakulär, aber immerhin tat mir jetzt das Koffein gut. Wieder packte ich sehr sorgfältig mein Besteck aus, riss die Tüte mit dem Brötchen auf und sah zu, dass mir beim Abziehen der Aluminiumfolie von meinem heißen Essen nichts daneben geriet. Jetzt zu kleckern oder etwas herunter zu schmeißen, hätte der Auslöser für einen Nervenzusammenbruch bedeuten können. Außerdem verging mehr Flugzeit, wenn ich alle Handgriffe extra langsam machte. Obwohl ich keinen großen Appetit hatte, aß ich jeden der mir zugedachten Happen. Der Salat schmeckte bitter und langweilig, aber die Obststücken unter denen es auch zwei große Würfel Ananas gab, halfen mir das ständige Durstgefühl erträglich zu machen. Die Kapsel mit dem Wasser war leider schon leer. Als meine Flugbegleiterin vorbei kam, um mein Plastiktablett einzusammeln, bestellte ich noch einen Kaffee und guckte den Rest meines Filmes. Meine durch einen Platz von mir getrennte Sitznachbarin sah vergnügt ein paar Folgen Big Bang Theorie auf ihrem Bord TV und lachte ab und zu. Obwohl wir zur Frühstückszeit in Abu Dhabi gestartet waren, flogen wir bereits der nächsten Dunkelheit entgegen. Na klar, Australien liegt ja auch in einer ganz anderen Zeitzone. Immer noch hatten wir kaum eine nennenswerte Etappe unseres Fluges geschafft. Ich suchte im Programmangebot meines Bildschirmes nach ein paar Beiträgen, die mich interessieren konnten.

Hier sind sie ohne Garantie auf die richtige Reihenfolge:

Der Spielfilm über Charly Chaplins Leben

Der Dokumentarfilm über Amy Winehouse

Eine Comedyserie , in der John Cleese einen Hotelmanager spielt. Fawlty Towers.

Zwischendurch las ich in Flakes HEUTE HAT DIE WELT GEBURTSTAG und hoffte in den Lesepausen, dass unsere Flugzeit in den einstelligen Bereich vorwärts rückt und ich während der jetzt verbleibenden Flugstunden nicht oft aufs Klo musste. Ich wollte ja meine freundlich Banknachbarin die inzwischen ein Nickerchen machte nicht unnötig wecken. Dummerweise drehte sich jetzt mein Flugzeugdinner gefährlich in der Nähe meines Enddarmes mehrmals um sich selbst. Kleine Gaswölkchen verließen immer häufiger meinen Körper und ich betete, dass die Aircondition damit fertig werden würde. Auch die Krämpfe in meinen Händen waren zurück gekehrt.

Eine ganze Weile krümmte ich mich noch auf meinem Sitz. Dann weckte ich entschlossen meine Nachbarin, die mich beinahe freudig anlächelte und schnell aufstand um mir Platz zu machen. Der  kleine Spaziergang zur Flugzeugtoilette fühlte sich erfrischen normal an. Ich streckte mich ausgiebig ein paar Mal, bevor ich auf meinen Platz zurück kehrte.

Inzwischen wurde ich immer zuversichtlicher, dass ich den langen Flug nach Sydney ohne Nervenzusammenbruch schaffen würde. Wie zu Belohnung sah ich nun erleichtert, dass unsere restliche Flugzeit auf knapp unter zehn Stunden gesunken war. Die würde ich schon noch aushalten und schon bald die Hauptstadt des Landes betreten, in dem die todbringende Trichternetzspinne lebt.

Auf der Seite wo mein Fenster war strömte laufend kalte Luft gegen meine Knie. Ich verteilte so gut es ging meine dünne und viel zu kleine Flugzeugdecke wie ein Rollstuhlfahrer über meine Beine, um dann für wenigstens noch ein Weilchen einzuschlafen. Immer abwechselnd meinen Kopf mit einem Kissen dazwischen geschoben gegen das Fenster gedrückt, dann wieder Kopf nach hinten und Beine möglichst weit unter den Vordersitz schieben. Dritte Stellung: zusammengerollt auf meinem Sitz, die Beine diagonal in den Fußraum des freien Nachbarsitz ausgestreckt.

Das ging für ein paar Minuten. Bald wurden die Abstände zwischen meinen Stellungswechseln immer kleiner. Bisher hatte ich kaum ein Auge zugedrückt. Zum Glück wurde jetzt wieder eine Mahlzeit und Getränke gebracht.

Also guckte ich noch mal  auf mein Bord TV. Beim nächsten zurückschalten auf Geovision flogen wir an Goah vorbei ganz langsam millimeterweise auf Australiens Westküste zu. Immer wieder war jetzt ein Stück australisches Festland auf der Bildschirmkarte zu sehen, auf der Broome und  Great sandy Desert stand.

Land der giftigen Tier ich komme!

 Und dann war es endlich so weit. Wir hatten nach einigen weiteren Stunden endlich das australische Festland größtenteils überquert und näherten uns jetzt Sydney. Unter uns lagen schon vermutlich die Blue Mountains oder kreuzte die unsere Flugroute gar nicht? Wir flogen jetzt  auch über viele Lichtpunkte, deren geometrische Anordnung Strassen und Häuser bedeuteten. Wie viele giftige Spinnen hatten wir inzwischen schon überflogen und wo genau hielten sie sich gerade auf? Dann setzte das Flugzeug auf uns mein Inneres verteilte mit der Großzügigkeit eines Rasensprengers Glücksatome. Langsam rollten wir zum Aussteigegate, an dem wir eine ganze Weile warteten, bis endlich die Flugzeugluken geöffnet wurden. Ungeduldig stand ich in meiner Sitzreihe und sah zum am nächst gelegenen Ausgang. Dort bewegten sich eine Gruppe von Passagieren, in dem sie im Gang zwischen den Sitzreihen Koffer und andere Gepäckstücke hin und her schwenkte.

Nur stieg noch immer niemand aus. Endlich wurden die Luken unseres Flugzeuges geöffnet und es ging durch eine durchsichtige Röhre ins Abfertigungsgebäude. Über uns schoben ein paar Leute einen leeren Rollstuhl in ein anderes Flugzeug, während ich zum ersten Mal in meinem Leben australisches Land betrat. Freudig stürmte ich mit meinem Bordgepäck den anderen Passagieren hinterher durch eine lange Taxfree Einkaufspassage in Richtung Luggage Area.

Unterwegs stoppten einige der Fluggäste an mit Elektronik vollgestopften Säulen, um ihre Pässe durch einen Schlitz zu ziehen.Ich versuchte es ihnen nach zu machen, aber mein deutscher Pass rief offensichtlich nach guter alter Handarbeit. Ok das hier funktionierte nicht, also gab ich auf und lief einfach weiter den anderen Passagieren hinterher um meinen Reisekoffer ausfindig zu machen. Als ich schließlich meinte,  am richtige Gepäckkarussell zu warten, begann ich eine Vorahnung davon zu bekommen, wie warm es in Sydney war. Ich zog meine Jacke aus und legte sie über meinen Rucksack. Es verging eine gute Viertelstunde, bis mir klar wurde, dass mein Koffer nicht auf dem endlosen Band, das sich vor mir drehte auftauchen würde. Ich sah mir noch einmal die elektronische Tafel über meinem Kopf genauer an.

Mein Fehler. Das Band auf dem das Gepäck meines Fluges Karussell fuhr, war einige zehn Meter entfernt. Schließlich war auch das geschafft und ich stand am Schalter eines Einwanderungsbeamten.

“ How are you“ fragte er mich und machte dabei ein so freundliches Gesicht, als würde er Bonbons verkaufen. Da ich nie weiß, wie ich solch eine Frage beantworten sollte, stammelte ich ein paar englische Satzbrocken, die der Mann am Schalter freundlich über sich ergehen ließ. Er drehte meinen Pass einige Male hin und her, dann ließ er mich passieren. Damit hatte ich die Grenzkontrolle noch nicht ganz geschafft. Der Mann schickte mich weiter, zu einer anderen Sperre. Dort wurde gerade das Gepäck einer jungen Frau inspiziert die aussah, als hätte sie irgendwo einen Joint versteckt. Meine Sachen wurden anscheinend untersucht, weil ich zum ersten Mal das Land bereiste.

Auch das war bald geschafft. Jetzt zog ich mit meinem Koffer durch eine große durchsichtige Doppeltür. Auf deren anderer Seite las ich welcome to sydney airport. Auf einem anderen Schild war ein Pfeil über dem Trainstation stand. Schon nach wenigen zehn Schritten ging es eine Rolltreppe nach unten zu den Fahrkartenschaltern. Ich bestellte bei der Frau am Schalter eine Opalcard zu 50 australischen Dollars. Die Geldscheine mit denen ich sie bezahlte waren teilweise durchsichtig. Wie weit mich mein gerade gekauftes prepaidticket bringen würde, war mir zuerst nicht klar. Auf jeden Fall kosteten die vier Zugstationen bis zum Hauptbahnhof von Sydney schon etwa 12 Dollar. Immerhin würde mich meine Opalcard so lange genug Geld drauf war auch in den kommenden Tagen nach Gosford bringen.

An der Rolltreppe die nach unten zu den Geleisen führten, balancierten zwei junge sportlich aussehende Männer ein Surfbrett über die Absperrung. Ich nahm die gleiche Rolltreppe nach unten uns versuchte, auf dem ausgehängten Innenstadtplan die Gegend meines Hotels ausfindig zu machen. Aber nach einem so langen Flug auf dem ich kaum geschlafen hatte irgendeinen geordneten Gedanken zu fassen, war so gut wie unmöglich. Immerhin fand ich das Geleis, auf dem die Züge in Richtung Innenstadt fuhren. Ich stieg in den erstbesten ein und beschloss, einfach am Hauptbahnhof auszusteigen. Der Doppelstockzug hatte breite Türen, war aber voller morgendlicher Passanten, von denen anscheinend viele auf dem Weg zur Arbeit waren. Ich machte mich mit meinem Koffer und meinem Rucksack so klein wie möglich und begutachtete meine neue Umgebung. Für mich fühlte es sich an, als wäre ich mit der Londoner Tube unterwegs. Zu mindestens war das morgendliche Gedränge das Gleiche. Dazu kam, dass wir zuerst noch einige Minuten unter der Erde fuhren. Bald aber flutete frisch geborenes Tageslicht unseren Zug. Ein neuer Tag in Sydney begann und ich war dabei. Ich sah, die ersten Häuser und ein großes Sportstadion an uns vorbei eilen. Passanten, die ihren Morgenkaffee zügigen Schrittes vor sich her trugen. Es waren viele asiatisch aussende Menschen unter ihnen. Am Hauptbahnhof stieg ich aus und zeigte einer hilfsbereiten freundlichen Frau in Uniform die Adresse meines Hotels. Wenn ich sie richtig verstand, könnte ich gut mein Hotel in weniger als einer halben Stunde von hier aus zu Fuß erreichen. Ich schleppte meine Sachen eine Treppe nach unten, wo es nach Kaffee und Frühstück roch.

Immer noch traute ich mich nicht, Geld auszugeben. Stattdessen überlegte ich, welchen Weg ich zu meinem Hotel in Darling Harbor nehmen sollte. Die Frau auf dem Bahnsteig hatte gesagt, ich solle in Richtung Haymarked gehen. Aber wo war der bloß? Weder auf meinem Ipad noch auf meinem Handy hatte ich ein brauchbares Wlan, das mir beim navigieren hätte helfen können. Dann fiel mir aber zum Glück ein, dass mein Hotel wegen seines Namens bestimmt in der Nähe des Hafens liegen würde. Ok, ein Hafen befindet sich am Wasser und Wasser ist immer im unteren Bereich eines Ortes. Also nahm ich den Weg, der  an einem großen Bauzaun vorbei nach unten führte. Ich überlegte, ob hier auf der Baustelle versteckt zwischen dem ganzen Eisenteilen und Holzbalken giftige Spinnen lebten. Vielleicht Redbackspiders oder womöglich die tödliche Sydney Funnelweb? Nach ein paar hundert Metern wartete ich an einer Verkehrsampel unter einem Baum. Von dessen Spitze schien ein neu geborenes Menschenkind zu schreien. Es war aber nur der morgendliche Ruf eines schwarzen Vogels von der Größe eines Raben. Ganz klar hatte ich eine Welt betreten, in der vieles anders war als zu Hause in Berlin. Diensteifrig piepste die Verkehrsampel in schneller werdenden Intervallen und scheuchte mich auf die andere Seite der Strasse. Ich achtete gut auf den Linksverkehr, der bald wieder mit der typischen Grossstadtungeduld an mir vorbei rauschte. Ich beschloss, eine kleine Pause einzulegen und setzte mich mit einer Cola und einem übrig gebliebenen Flugzeugbrötchen auf eine Parkbank. Vom Himmel fielen ein paar warme Regentropfen auf meine Schultern. Aber die Luft in Sydney fühlte sich sommerlich an, obwohl hier auf der anderen Seite der Erde so langsam der Herbst einzog. Hinter meiner Bank spazierte ein Vogel mit kahlem Hinterkopf durch die Blumenbeete. Der Vogel sah aus, wie ein alter Mann. Ich hatte die Regenjacke aus meinem Rucksack geangelt und über meinen Kopf geknittert. Mein Ipad zeigte mir jetzt zu meiner großen Freude einen freien Wlanzugang. Ich hatte anscheinend Sydneys Innenstadt gefunden. Also nahm wieder meinen Fußmarsch auf und unterquerte eine Kreuzung, an der sich mehrere Highways schnitten. Hier gab es auch eine Treppe, die mich auf die andere Seite des Ungetüms aus Beton brachte. Dort führte die Treppe wieder hinunter in einen Park in dem sich ein paar Kinder auf einer Schaukel vergnügten. Wie sich herausstellte, hatte ich jetzt Darling Harbor erreicht. Mein Hotel musste sich in unmittelbarer Nähe befinden. Ich lief eine Strasse entlang auf einem schmalen Bürgersteig, der bald in einem steilen Winkel nach oben führte. Die Autos auf dem Highway dicht neben mir fuhren beunruhigend schnell den Hügel hinauf.

Ich suchte gerade auf der Karte meines Ipads nach einem anderen Weg zu meinem Hotel, als ein junger Jogger neben mir stoppte.

Hilfsbereit sah er auf meine Karte und meinte, ich solle ihm ruhig weiter auf dem schmalen Fußweg nach oben folgen. Ich solle nur vorsichtig wegen des Verkehrs auf der Strasse sein. Am oberen Ende der Strasse gab es tatsächlich ein Hotel, das für die Preisklasse die mir meine Freundin in Berlin gebucht hatte zu luxuriös aussah. Dort sagte mir der Mann an der Rezeption, ich solle einfach noch eine Strasse weiter gehen. Seines Wissens gäbe es dort noch ein Hotel namens Darling Harbor. Wenige eilig gelaufene Schritte später stand ich endlich am ersten Ziel meiner langen Reise. Das Hotel lag in einem alten, zweistöckigen Gebäude und hatte eine Tür mit Zahlenschloss, die zum Glück offen stand. Hinter dieser Tür konnte man links in ein kleines Büro abbiegen, in dem eine junge Vietnamesin hinter einem Schreibtisch saß.

In einem Raum hinter ihr standen einige Koffer neben einer großen Waschmaschine. Die Frau verglich kurz meine Angaben, ließ mich ein Formular ausfüllen und sagte, mein Zimmer sei erst in zwei Stunden frei. Sie zeigte mir einen Platz hinter ihrem Schreibtisch, auf dem ich meinen Koffer und meine dicke Winterjacke ablegen konnte. So hängte ich mir wieder meinen Rucksack über die Schulter und erkundete die Umgebung meines neuen Schlafplatzes. Ein paar Schritte vom Hotel entfernt gab es eine Strasse, die nach unten zum Hafen führte.

Sie führte an einem großen Kriegsschiff vorbei, das man zu einem Museum umfunktioniert hatte. Das merkte ich mir als Orientierungspunkt und  schlenderte mutig weiter in Richtung Hafenbecken. Für eine Weile stand ich auf einem mit Holzbrettern abgedeckten Fußweg, der zum Weiterlaufen einlud. Das Meerwasser unter mir war durchsichtig. Ich sah einige Fische darin umher schwimmen und einige handgroße weiße Quallen. Am liebsten hätte ich sofort meine schwitzigen Reiseklamotten abgelegt um an Ort und Stelle ins Wasser zu springen.

Ich dachte darüber nach, wie gefährlich das sein würde, falls einer der Meeresbewohner unter mir einer von der giftigen Sorte wäre.

Auch hielt ich in den Ritzen zwischen den Holzbrettern auf denen ich lief nach Spinnennetzen Ausschau. Bestimmt würde ich hier mitten in der Innenstadt von Sydney keiner Funnelwebspider begegnen. Konnte es aber nicht sein, dass es hier irgendwo, die australische Verwandte der schwarzen Witwe gab? Hier oder zumindest nicht weit von hier entfernt lag ja auch der Lebensraum der Redbackspider.

Gab es überhaupt irgendeine Art von Spinnen, die mitten in dieser Millionenstadt wohnten?

Ich dachte darüber nach, wie das zu Hause in Berlin war. Dort findet man Spinnen in Kellern, und in künstlich beleuchteten Bushaltestellen und Hauseingängen. Ab und an sah man auch mal eine Kreuzspinne und ziemlich häufig einen Weberknecht mitten in Berlin. Spinnen leben auch gern da, wo Menschen Unordnung hinterlassen haben, zum Beispiel in zurück gelassenen Sperrmüllstücken oder alten Autoreifen. Nach solchen Dingen wollte ich hier in der fernen Welt ab jetzt Ausschau halten. Aber zunächst ging es mir darum, überhaupt ein erstes Gefühl für Syndney und die nähere Umgebung meines Hotels zu bekommen.  Also führte mich mein zweiter kleiner Spaziergang zurück zu meinem Hotel und dann die am nächsten gelegene Hauptstraße hinauf, so weit es die verbliebenen eineinhalb Stunden bis ich mein Zimmer beziehen konnte zuließen. Auf dem Weg merkte ich mir ein chinesisches Sushirestaurant, das mit niedrigen Preisen warb. Kurz drauf führte der Weg auf dem ich lief auf eine Brücke über einer Art Straßenbahnlinie.

Hier gab es links von der Überquerung ein bisschen Gestrüpp und einen Maschendrahtzaun. Beim näheren hinsehen entdeckte ich auf einem Steinpfosten ein paar Insekten, die mich an Feuerwanzen erinnerten.

Ich lief noch ein paar hundert Schritte weiter den Bürgersteig entlang bis zu einem Discounter, den ich mir für den Einkauf meines heutigen Abendessen merkte. Hier machte ich kehrt und lief langsam zurück zu meinem Hotel.

Mein neues zu Hause bestand aus einem kleinen Zimmer, in dem sich ein Bett eine kleine Ablage und ein an die Wand geschraubter Flachbildfernseher befand. An der Decke hing ein großer Ventilator der nicht funktionierte. Dafür gab es einen zweiten Ventilator, der auf dem Fußboden stand. Es gab auch einen Garderobenständer und einen zu drei Vierteln mit einer dünnen Sperrholzplatte provisorisch abgedeckten Kamin. Auf dem Bett lag eine kratzige, nicht bezogene Wolldecke. Zu dieser kleinen Behausung gehörte auch ein kleines Bad mit Waschbecken, Dusche und einem Klo.

Beim ersten Händewaschen merkte ich, dass die Ablaufgarnitur unter meinem Waschbecken notdürftig mit glänzenden cremefarbenen Paketklebeband abgedichtet war.  Ich legte mich für eine halbe Stunde aufs Bett. Jetzt zu schlafen würde meinen Tages/Nacht- Ryrhmus komplett aufmischen, denn es war ja erst früher Nachmittag. Also probierte ich lieber meinen an der Wand hängenden Fernseher aus.

Es gab Werbung, Nachrichten, irgendeine Comedyserie die ich nicht kannte und eine Talkshow zur Auswahl.

Ich schaltete den Ton ab, um für ein paar Minuten die Augen zu schließen. Das Bett schien sanft zu schaukeln und sich etwas auf der Stelle zu drehen. Ein Teil meiner Seele befand sich offensichtlich noch im Flugzeug. 

Jetzt nur nicht komplett weg pennen, sonst würde meine innere Uhr die nächsten Tage auf Eiern laufen. Irgendwie die Zeit bis es hier Abends wird herum zu kriegen, sollte nicht schwierig sein. Ich nahm einen großen Schluck aus meinem Glas mit inzwischen lauwarm gewordenen löslichen Kaffee und schwang mich aus dem Bett. Den Zettel mit dem Code für die Eingangstür zu meinem Hotel steckte ich sorgfältig in die Hosentasche, schmiss mir meinen Rucksack über die Schulter und machte mich auf einen Ausflug durch Darling Harbor.

Ich lief auf der Brücke in Richtung des Fernsehturms in einem Strom aus Joggern und Berufspendlern. Auf der anderen Seite der Brücke nahm ich die Treppe nach unten und überquerte ein  paar kleinerer Straßen, bis mein Weg von einer im Nachmittagsverkehr rauschenden Einkaufsstraße gekreuzt wurde. Ich fand einen Handyshop, in dem mir eine sehr junge asiatisch aussehende Frau eine Prepaidkarte in mein Handy setzte, mit der ich nach Deutschland telefonieren konnte. Das Mädchen erklärte mir auch, wie ich mit einem Anmeldeverfahren das über komplizierte Nummernkombinationen die ich eintippen sollte einen speziellen Willkommensbonus erhalten könnte. Ich war mir nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden hatte, bedankte mich und überquerte die Straße. Hier gab es einen vierundzwanzig Stunden geöffneten Laden, in denen die Regale eng standen und prall mit Snacks, Getränken und kleinen Haushaltsgegenständen vollgestopft waren. Ich kaufte eine Großpackung mit Bananencreme gefüllten länglichen Küchlein, die mit einem großen Haps in den Mund passten und dort eine große chemische Geschmacksexplosion verursachten. Die Küchlein namens Twinkys kannte ich aus Buffy im Bann der Dämonen. Dazu kaufte ich noch zwei Flaschen mit Snapples - Fruchtsaftlimonade ohne Kohlensäure, die ich aus New York kannte, aber die eigentlich in Holland abgefüllt wird. Zurück im Hotel machte ich mir einen löslichen Kaffee in der Gemeinschaftsküche. Einen fetten Batzen Bananengebäck später probierte ich das Wlan-Passwort für mein Ipad aus.

Es funktionierte ohne Tippfehler. Mutig geworden tippte ich ein paar endlose Zahlenreihen in mein Handy um nach ein oder zwei vergeblichen Versuchen endlich ein Telefonat nach Berlin hin zu bekommen. Die Stimme meiner Lebensgefährtin am anderen Ende der Welt klang, als würde sie aus dem Zimmer direkt neben mir sprechen.

Ich machte einen zweiten Spaziergang zum Lebensmitteldiscounter, den ich mir auf meiner kurzen Inspektion heute Vormittag gemerkt hatte. Da mein Englisch eher mäßig ist, überwand ich immer ein gutes Maß an Scheu, ehe ich mich entschließen konnte, irgendein Geschäft zu betreten und mich mit meinem Einkauf an die Kasse zu stellen. Mein altes How are you? - Problem stand mir auch bei diesem Kassiervorgang treu zu Seite. Wieder wusste ich nicht, was ich auf die höflich gemeinte Frage der Kassierin antworten sollte. Jedenfalls bezahlte ich mein Stückchen Käse, die Flasche Cola, die Oliven und die kleine Flasche Olivenöl rasch und war erstaunt, dass mir die Frau an der Kasse gleich meine Einkäufe in eine Plastiktüte steckte. Mein Weg zurück zum Hotel führte an einigen kleineren Häusern vorbei, an deren Vorderseite je ein winzige Stücken  Rasen eingezäunt waren. Auf einem dieser Rasenstückchen hatte jemand ein schrottreifes Motorrad geparkt. Ich hielt Ausschau nach Anzeichen von Spinnweben aus, denn meine selbst auferlegte Australienmission war es ja, die giftigen Redbackspiders und Funnelwebs aufzuspüren. Tatsächlich fand ich einige erstaunlich dicke einzelne Fäden und ein vollkommen chaotisch gewebtes kleineres Spinnennetz das aussah, als hätte es dessen Bewohner unter Einwirkung von LSD gewoben. Langsam schlenderte ich zurück zu meinem Hotel und freute mich auf eine abendliche Dusche und endlich ein paar Stunden tiefen Schlaf. Ich verteilte Brötchenkrümel und Kaffeeflecken im Bett und fühlte mich jetzt offiziell wie zu Hause. Das Olivenöl aus dem Fläschchen, das ich als Butterersatz für meinen nur zwei tägigen Akklimationsaufenthalt hier in Sydney gekauft hatte, war eine Version, die zu meiner Überraschung mit scharfem Chili-pulver versetzt worden war. Ich spülte die Bissen mit viel Snapples herunter.

Dazu stopfte ich mir einen weiteren Bissen Bananenkucken in den Mund und zappte mich mit der freien Hand durch australiens Fernsehkanäle. Nach meinem Abendimbiss putzte ich mir die Zähne, wobei ich  beobachtete, wie mir mein Zahnputzwasser zuverlässig direkt aus dem kaputten Abflußrohr unter dem Waschbecken auf die Füße plätscherte.

Hektisch stellte ich meine Wanderschuhe, die mittlerweile dringend Lüftung benötig hätten zurück ins Wohnzimmer, damit sie nicht auch noch nass wurden. Dafür roch jetzt mein Zimmer in dem ich gleich schlafen wollte nach einer in einem Bottich sehr alter Milch ertrunkenen Person. Zum Glück war der geflieste Boden des Badezimmers mit einer Schräge versehen worden, die das Wasser in Richtung Dusche ablaufen ließ. Ich spülte den Geruch und Schweiß meiner langen Reise von meinem Körper und packte mich anschließend auf mein Bett, das den größten Teil des Zimmer ausmachte. Nachdem ich das Licht gelöscht hatte stellte ich fest, dass ich mich unmöglich mit der kratzigen Wolldecke zudecken konnte, wenn meine nackten Beine direkt mit ihr in Berührung kamen. Also deckte ich mich weil es ja sowieso sehr warm in meinem Zimmer war mit einem Handtuch zu. Noch summten die vielen tausend gereisten Kilometer durch mein inneres Universum. Ich guckte mir also noch eine halbe Folge STROMBERG auf meinem Ipad an, bis ich endlich auf die rechte Seite gedreht zusammenrolle und einschlief.

 

Das erste Erwachen an einem Ort, an dem man niemals zuvor gewesen ist, besonders, wenn er sich am anderen Ende der Welt befindet, ist immer etwas ganz Besonderes. Von draußen hinter der Jalousie meines Fensters blitzte bereits klares Sonnenlicht in mein Zimmer. Um richtig wach zu werden nahm ich ein paar Schluck aus meiner Tasse mit kalt gewordenen Nescafe und schob meine inzwischen zweilagige Zudecke mit den Füßen beiseite. Da es beinahe minütlich wärmer zu werden schien, beschloss ich, mich mit der Bahn auf den Weg Richtung Meer zu machen. Tasmanische See, ich komme!

Ich hatte noch keine genaue Ahnung, wie ich dort am schnellsten hinkommen würde, aber ich kannte ja jetzt schon halbwegs den Fußweg vom Bahnhof Central zu meinem Hotel, den ich  jetzt so gut ich ihn im Gedächtnis behalten hatte in umgekehrter Richtung nehmen würde. Es war ein Hochgenuß, nur leicht bekleidet und mit einem Rucksack bepackt zu sein, der nur ein selbst belegtes Brötchen und mein Handtuch aus dem Hotel enthielt. Das würde ich hoffentlich gleich nach dem baden im Meer gebrauchen können. Jetzt war ich optisch kaum noch von einem Einheimischen zu unterscheiden.. Raus aus dem Hotel links bis zur Kreuzung abbiegen, dann noch mal rechts und dann den schmalen Weg entlang der Schnellstraße nach unten. Rechts von mir gab  es eine Art Straßenbahnhaltestelle. Bestimmt würde von hier aus eine Bahn direkt zur nicht weit entfernten Central Station führen, aber dieses kurze Stückchen Weg wollte ich lieber zu Fuß machen. Nach wenigen hundert Metern verlor ich die Orientierung. Hier ganz in der Nähe musste der Bahnhof sein. Zum Glück erinnerte ich mich, dass ich einfach ein Stückchen die Straße nach oben laufen und nach einem Bauzaun Ausschau halten musste. Tatsächlich kam mir plötzlich wieder ein Stückchen Weg bekannt vor und ich lief an dem mir bekannten nach Frühstück und Kaffee duftenden Diner vorbei zum Bahnhof. Hier gab es jede Menge Gründe, sich  ordentlich zu verlaufen. So nahm ich meinen Mut zusammen und fragte eine rundliche Person in Bahnhofsuniform nach der besten Bahnverbindung zum Strand. Die Person war ein äußerst freundlicher Transvestit.

Bondi Beach - Bondei Beach -  sie klang als sie das aussprach wie ein äußerst vornehmer Engländer, ohne allerdings kühl oder hochnäsig zu wirken.

Sie erklärte mir hilfsbereit, dass ich am besten mit dem Zug bis zur Bondi Junction fahren sollte und zeigte auf einen langen Durchgang, von dem ich nicht gedacht hätte, dass der zu einem weiteren Bahnsteig führt.

Der Zug war wie ich das von den Interregios aus meiner Heimat kannte zweistöckig. Ich setzte mich oben auf einen Fensterplatz in Fahrtrichtung. Auf der Fahrt Richtung Meer sah ich rechts meinen alten Bekannten den Fernsehturm. Hier in Sydney konnte man sich also wenn auf diesen Wegweiser achtete sich nie wirklich verlaufen.

An der Station Bondi Junction stieg ich aus und vertraute wieder darauf, zum Wasser zu gelangen, wenn ich einfach eine Straße suchte, die nach unten führte. Dieses Mal sollte ich falsch liegen. Es war mittlerweile mittägliche Hitze, als mein Weg an Vorgärten vorbei eine kleine Kirche kreuzte. Langsam ahnte ich, dass ich die falsche Richtung eingeschlagen hatte und ich nahm die Navigation auf meinem Ipad zu Hilfe. Die zeigte an, dass ich umkehren sollte.

Mein falsch eingeschlagener Weg machte mir aber nichts aus. Wichtiger, als so schnell wie möglich an den Strand zu gelangen war mir, nach mehr Anzeichen von Spinnenunterkünften zu suchen. Immerhin war ich ja jetzt nicht mehr im Zentrum unterwegs, sondern in einem seiner Vororte. Aber die Mittagshitze verhinderte offensichtlich, dass ich mehr als ein paar Spinnwebenreste und einzelne dicke Fäden auf meinem Fußmarsch fand, die ab und an diagonal von einem auf einem Grundstück befindlichen Baumast in Richtung Bürgersteig verliefen. So langsam bekam ich Lust auf Kaffee und einen Snack. Ich kehrte also um, weil ich auf meinem Fußmarsch hierhin eine Tankstelle gesehen hatte.

Dort kaufte ich bei einer älteren Babuschka, die wie es schien ihre Tochter vertrat so unsicher, wie sie den Kaffeeautomaten und die Kasse bediente, kaufte ich einen großen Becher und einen Muffin. Vor einem Laden in dem nicht viel Betrieb zu sein schien setzte ich mich auf eine Bank und nahm mein Frühstück ein. Anschließend lief ich den Finger auf der Ipadkarte ein paar Querstraßen weiter bis ich sicher war, jetzt auf dem Weg Richtung Strand zu laufen.

Jetzt befand ich mich auf einer Hauptstraße, auf der braun gebrannte Strandmenschen in Bussen entlang eilten.

Ich prägte mir die Nummer einer Buslinie ein, auf dessen Richtungsziel Bondi Beach stand für den Fall, dass mir irgendwann auf meinem Marsch die Füße zu sehr weh tun würden. Inzwischen war es ziemlich heiß und ich kaufte in einem kleinen Laden eine Extracola zum Abkühlen. Mein Weg verlief nun immer steiler nach unten. Am Horizont hinter den niedrigen Häuserfronten blitzte die tasmanische See hindurch. Ich machte noch einmal Halt, um einen Busch vor einem Haus näher zu inspizieren, aus dem ich ein merkwürdiges lautes Krächsen hörte. Und dann sah ich ihn versteckt auf einem Zweig hockend - meinen ersten Papagei. Ein weißer Prachtbursche mit heraus gereckter Brust und gelben Kamm.

Nach ein paar weiteren hundert Schritten führte mich mein weg über eine lebhaft befahrene Strassse zur Strandpromemade von Bondi Beach. Ein Bus kam mir entgegen, der zur Zugstation Bondi Junction zurück fuhr und direkt an einer Mehrfachhaltestelle

stoppte. Die prägte ich mir für meinen Rückweg ein. Das Meer nahm mich mit Wind und lautem Getöse in Empfang. Zwischen den aufgewühlten Schaumkronen paddelten ein paar Surfer auf dem Bauch liegend in tieferes Wasser. Einer von ihnen gefährlich nahe an einer zerklüfteten Steilküste die sich nicht weit weg vom langen Sandstrand rechts von mir erhob. Auf deren Steinfundamenten entdeckte ich ein grosses Schwimmbecken, das mit Meerwasser gefüllt war. Von solchen Becken dicht am Meer hatte ich gelesen.

In ihnen war das Schwimmen gefahrlos was zumindest die Abwesenheit von Haien und giftigen Quallen betraf. Aber die tasmanische See leckte mit unerschöpflichr Kraft an den Felsen und sprang an ihnen hoch wie ein Rudel wütender Hunde. 

Eine schlanke junge Frau joggte an mir vorbei. Ihr war bestimmt egal, dass ich mich jetzt auszog und nur mit meiner Unterhose bekleidet vorsichtig aufs Wasser zu tippelte.

Niemand sieht einen alten Mann mit Roasacea im Gesicht und Spinnenbeinen an, so lange er nicht sinnlos herumschreit oder spontan im Sterben liegt.

Nur einen kurzen Augenblick zögerte ich noch. Dann sah ich wie wenige Schritte entfernt von mir ein junger Mann im knietiefen Wasser herumspazierte, der ein kleines Mädchen an der Hand hielt.

Schon wirkte die See deutlich weniger bedrohlich und todesmutig probierte ich ein paar Schritte ins Wasser. Die Strömung riss den Sand unter meinen Füssen weg und schnell blieb mir nichts anderes mehr übrig, als meine Arme auszubreiten und die laut rauschende salzgeschwängerte feuchte Welt zu umarmen, die so voller Leben war.

Das Meer riss mich von einer Seite auf die andere und obwohl ich ganz dicht am Ufer war, verlor ich an manchen Stellen den Boden unter den Füssen der aus einem sich ständig verändernden Nassschleifmittel zu bestehen schien. Ich watete zurück ans Ufer, trocknete mich kurz ab und beschloss, lieber das sichere Schwimmbecken oben auf dem Felsen auszuprobieren.

Wird fortgesetzt...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hier ein paar Videos aus meiner Zeit in Sydney und im nicht weit von Sydney entfernten Gosford auf der Suche nach der legendären Funnel Web Spider

Die Fotos sind noch etwas chaotisch dran gepappt aber daran werde ich arbeiten

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