Heute bin ich zum ersten Mal seit vielen Wochen zum Haare schneiden gegangen. Normalerweise gucke ich zu Hause nie lange in einen Spiegel und wenn, betrachte ich mich eher oberflächlich.

Aber vorhin, als ich nichts anderes zu tun hatte, als nach vorne in den großen Friseurspiegel zu gucken, war ich sehr erschüttert darüber, den Kopf eines eher Achtzigjährigen zu erblicken, und ich bin noch keine sechzig. OK, sechzig wäre auch schon alt, aber in diesem Alter haben Männer normalerweise noch nicht komplett schneeweiße Haare mit oben großflächig Glatze, auf der jetzt rote Flecken sind, wo einmal Haare waren. Dazu blickten mich noch gelbliche Augen aus dem Spiegel an, die keinen wirklich schönen Kontrast zu meinem von Rosazea gerötetem Gesicht bilden. Ich rauche seit über zehn Jahren nicht mehr und trinke so gut wie keinen Alkohol.

Keine Ahnung, warum ich so schnell gealtert bin. Vielleicht, weil ich nervöser und ungeduldiger bin, als viele andere.

Vor einem Jahr ist mein Vater mit knapp über neunzig Jahren gestorben, im Jahr davor meine ein paar Jahre jüngere Mutter an Magenkrebs.Vor zwei Wochen hat sich noch unser einzigartiger, wundervoller Kater Merlin aus diesem Leben verabschiedet. Zwischen mir und meinem Lebensende ist jetzt auch keine allzu lange Strecke mehr. Etwas in mir bäumt sich entrüstet auf und möchte laut schreien: „Halt stopp was soll der Unsinn? Seit Ihr bekloppt oder was? Ich bin doch innerlich erst zwölf wenns hoch kommt.“ Und während ich das schreibe, spüre ich die Druckstelle in meinem Mund, weil es allerhöchste Zeit wird, die falschen Zähne heraus zu nehmen und zu reinigen. Ich habe auch Hörgeräte und eine Brille. Ohne beides bin ich kaum noch gesellschaftsfähig. Trotz der Hörgeräte bekomme ich oft nicht mit, was gerade zu mir gesprochen wird. Zur Hälfte, weil ich akustisch nichts verstanden habe, zur anderen Hälfte aber, weil mich eigentlich nicht interessiert, was gerade gesagt worden ist. Mein Inneres ist so voller Gedanken und hat in diesem Leben schon so viele Worte gehört, dass ich immer besser verstehe, warum sehr alte Menschen nur noch in der Sonne auf Parkbänken sitzen und vor sich hingucken wollen. Eigentlich geht es mir oft genau so. Körperlich bin ich immerhin noch fit genug, längere Strecken zu laufen, Fahrrad zu fahren und ich scheue mich auch nie vor körperlich anstrengender Arbeit.

Ich sage immer wieder, wie gerne ich arbeite und ich denke das auch. Aber jetzt in diesen Tagen sehne ich mich sehr danach, nichts mehr zu tun, was ein anderer beanstanden könnte. Hinter mir liegt ein ziemlich abwechslungsreiches Berufsleben und ich habe mich auch viel nebenher mit unbezahlten Tätigkeiten beschäftigt. Ich bin Chemiefacharbeiter, Soldat, Gas Wasser Scheiße Installateur und Verkäufer gewesen. Ich habe auch mit dem Auto Postpakete ausgefahren und eine Zeit lang Lebensmittellieferungen für einen Spediteur zusammen gestellt. Die meisten dieser Jobs habe ich gemacht, weil ich eine riesige Angst davor habe, meine Miete nicht bezahlen zu können und obdachlos zu werden. Immer wieder stellte sich heraus, dass ich zu keiner dieser Tätigkeiten wirklich geeignet bin. Immer wieder bin ich dabei ertappt worden, nicht wirklich BEI DER SACHE zu sein und das hat auch jedes Mal gestimmt. Ich war und bin ein Tagträumer und in guten Nächten träume ich auch. Nachts zu träumen ist unkritisch, denn davon sind meistens nicht direkt andere Menschen betroffen. Beim Träumen am Tage dagegen sind mir über die vielen Arbeitsjahre immer wieder Fehler beim Arbeiten unterlaufen. Dabei wollte ein Teil von mir so gerne in die normale Arbeitswelt passen. Meinen Defizit wollte ich immer wieder durch erhöhten, teils überhöhten Arbeitseifer ausgleichen. Das hat aber sehr häufig zu nur noch mehr Fehlern geführt. Als Chemiearbeiter habe ich teure Chemikalien in falsche Behälter gefüllt, die anschließend weg geschüttet werden mussten. Als Feuerwerker ein Kometenrohr falsch herum in ein Abfeuerungsgestell eingebaut, so dass der Stern nach dem Zünden in die Erde geflogen wäre, statt in den Himmel.

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich noch einmal meinen Job gewechselt, um wieder als Verkäufer zu arbeiten. Wieder einmal habe ich in den vergangenen Monaten gedacht, nun endlich eine Beschäftigung zu machen, die es mir ermöglichen wird, die paar verbliebenen Jährchen bis zur Rente zu überbrücken und meine Miete zu verdienen. Seit Corona die neue Regierungsform im Lande ist, sind wir paar ältere Herren im Laden für Modellbahnen und Autos in Kurzarbeit.

Oft gibt es wenig zu tun. So war ich völlig überrascht, vor ein paar Tagen, als ich in Begriff war, einen mehrwöchigen Urlaub anzutreten eine wie ich fand genervte und ruppige Mitteilung von einem Arbeitskollegen auf meinem Handy zu finden. Angeblich hätte ich gleich mehrere Flüchtigkeitsfehler beim Sortieren und Beschriften neu angelieferter Ware gemacht.

An diesem Tag bin ich schon Morgens von einem anderen Kollegen kritisiert worden, der gleich vier bis fünf Punkte vorzubringen hatte. Ich kann nur fest stellen, dass ich beim Arbeiten eigentlich immer die besten Absichten habe, alles schnell und gewissenhaft zu erledigen. Dabei ersuche ich meistens, gute Laune und Schwung zu verbreiten. Es ist so deprimierende, wenn ich immer wieder drauf gestoßen werde, nicht in diese Berufswelt zu passen. Das geht eine Zeit lang gut, bis meine jeweils neuen Kollegen merken: ICH BIN KEINER VON EUCH.

Nein der bin ich tatsächlich nicht. Eure sogenannte Realität (falls es überhaupt die eurige sein sollte), sehe ich immer nur durch einen schnell an mir vorbei ziehenden Schleier aus Tagträumen und Phantasien. Meistens haben diese Phantasiegebilde die Intensität einer dicht befahrenen Autobahn. Womöglich geht es Euch ja ähnlich. Auch ihr macht gelegentlich Fehler wie ich, weil Ihr Euch aus ähnlichen Gründen in einer Zwischenwelt fest hängt. Es scheint aber einen Unterschied zwischen uns zu geben. Ich scheitere regelmäßig mit meinen Bemühungen, in der „normalen“ Berufswelt Fuß zu fassen. Ist dieser Punkt erreicht, kehre ich mich ab und wende mich anderen Beschäftigungen zu. Zur Schmerzdämpfung reicht es mir oft genug, in die überschaubare Welt des Experimentierens, Bastelns und Reparierens zu entweichen. Ab und zu wird aber in mir eine Schwelle des Schmerzes erreicht, der zu äußerster Nervosität und Gereiztheit führt.

Da hilft es nur noch, zu schreiben oder sonst wie kreativ zu sein. Das lindert die stumpfe, oder auch scharfe Traurigkeit in dem sie das Licht zurück in die Seele holt (oder aus der Seele?)

Ab einen bestimmten Punkt wird es dann so egal, welche und wie viele Fehler ich im normalen Arbeitsleben und im sonstigen Alltag gemacht habe. Diese Welt schaffe ich mir ja selbst und ich bestimme in ihr die Regeln und Normen. Hier gibt es keine Fehler, sondern lediglich unterschiedliche Varianten von dem, was in einem oder anderen Moment sein könnte.

Zum Glück habe ich noch nie einen Fehler begangen, der ein anderes Lebewesen deutlich in seiner Existenz oder Gesundheit bedroht hätte.

So fuck it. Sollten sich zur Zeit mal wieder die bekannten grauen Wolken der Unsicherheit und Veränderungen über mir zusammen ballen, dann immer her damit.

Nicht mehr lange und zu meinen Alltagsgegenständen kommen vermutlich Windeln, Rollator und lange Plastikcontainer mit vielen Fächern für Medikamente. Und dann kommt die letzte Wolke von dunkler Ungewissheit, für die ich dann bereit sein möchte.

Auf geht`s.