Mein Leben mit Feuerwerk

Ich werde niemals ganz vergessen, wie gerne ich als Kind mit Feuer gespielt habe. Alles, was mit Feuer machen zu tun hat, interessierte mich sehr. Hinter unserem Haus gab es eine Zeit lang mal einen grossen Müllhaufen, den ich immer nach Streichhölzern mit andersfarbigen Köpfen abgesucht habe. Ich dachte, die würden dann auch mit anderer Farbe brennen, wie Bengalhölzer. Die normalen Streichhölzer mit dem purpurfarbenen Köpfen waren ja leicht zu kriegen. Die lagen bei uns neben dem Gasherd in der Küche.
Wunderkerzen waren auch das ganze Jahr über da. Man konnte sie zwar immer erst ab Herbstanfang in einem Zeitungsladen kaufen, aber meine Eltern sind sparsame Leute und hoben immer eine Tüte auf. Sie lag in dem Schubfach, wo auch das Fieberthermometer aufbewahrt wurde und das passte gut zusammen. Unsere Mutter hat uns nämlich wenn wir krank waren immer erlaubt, gut in warme Klamotten eingemummelt ans Fenster zu gehen und eines von den geheimnisvollen Zauberdrähtchen anzuzünden.
Brennende Eisensterne flogen dann durch die Gegend und verzauberten dann einige Momente. Der Geruch des verbrennenden Eisens und übrigens auch der von ausgeblasenen Geburtstagskerzen machten mich froh gestimmt. Das funktionierte besser als manches Medikament.
Überhaupt war alles was blitzte und funkte äußerst interessant für mich. Es war an einem Herbstabend -  es war schon früh dunkel und wir Kleinen durften um diese Zeit noch draußen spielen- als ich ein paar größere Jungen sah, die mit rostigen Eisendrähten auf dem Beton eines Parkplatzes herumkratzten. Es gab dann jedes Mal goldene Funken und ich war über meine neue Entdeckung vollkommen aus dem Häuschen.
Von den großen Jungen konnte man viel lernen, wenn man ihnen hinterher lief und aus sicherer Entfernung beobachtete, was sie trieben.
Sehr früh guckten mein kleiner Bruder und ich den größeren Jungen dabei zu, wie sie am Neujahrsmorgen die Wiesen und Wege in unserem Wohngebiet nach nicht gezündeten Feuerwerksresten absuchten. Reibekopfknaller aus DDR-Produktion hatten immer eine nennenswerte Rate an Blindgängern. Oft ließen sich die gefundenen Knaller noch anzünden und wenn nicht, konnte man die Papphülsen einfach in der Mitte durchbrechen und das drinnen befindliche Pulver direkt anzünden. Das gab immer einen schönen Goldregen in der Buddelkiste.
Es knallte und funkte auch noch bei anderen Spielen;
Kleinkaliberhülsen mit Streichholzköpfen oder Knallplättchen füllen. Dann auf die Straßenbahnschiene legen und warten, bis die Bahn drüber fährt.
Das gleiche Zeugs in eine große Schraubenmutter stopfen.
Dann von beiden Seiten Schrauben reindrehen und das ganze auf den Boden schmeißen.
Wunderkerzen und zusätzlich in Alufolie gewickelte Wunderkerzenkrümel anzünden, in eine Sektflasche stecken, Korken rauf und dann rennen.
Im Köpenicker Wald nach Wehrmachtspatronen buddeln und das Pulver daraus abfackeln.
Wenn gar nicht in der Art zu finden war, konnte man immer noch Räucherkerzen anstecken, oder die kleinen Zelluloidzigeretten, die für die Mecki - Räucherigel aus dem Tabackladen gedacht waren,
Rauchbombe aus Tischtennisbällen.
Als ich in die neunte Klasse ging, hatte ein Kumpel aus der Parallelklasse eines Tages eine Wehrmachts-Sprengkapsel in der Hand. Das Ding hatte eine Aluminiumhülle, auf die ein Reichsadler gedruckt war. Es war ungefähr so groß, wie eine C-Batterie .Im Köpenicker Wald lagen noch mehr von den Dingern herum. Mein Kumpel kam darauf, die Blechhülle der Kapsel mit einer Zange abzuwickeln. Im Inneren steckte ein Zylinder aus einem wachsähnlichen, rosafarbenen Material. Das war der eigentliche Sprengstoff, was wir aber damals nicht wussten. In dem Zylinder steckte ganz oben noch ein kleineres Röhrchen, das mit blassgelben Kristallen gestopft war.
Mein Kumpel zündete immer den Wachszylinder an. Er brannte kerzenähnlich, bis die Flamme den inneren Metallzylinder erreichte. Dann knallte es beeindruckend. Obwohl wir bei der Zündung nicht wussten, was wir taten, hat die Sprengkraft  immerhin noch ausgereicht, um einen schweren Topf, den wir mal über solch einen Knaller gestülpt hatten, mehrere Meter in die Luft zu befördern.
Das rosafarbene Zeugs war vermutlich Nitropenta und die gelben Kristalle im kleinen Zylinder, den wir zum Knallen gebracht hatten,  nur der Initialsprengstoff (vermutlich Bleipikrat). Währen wir auf die Idee gekommen, die Kapseln nicht auseinander zu nehmen, sondern einfach eine Flamme in das Metallröhrchen zu leiten, hätten wir so etwas wie eine Handgranate gehabt.
Zum Glück sind wir darauf nicht gekommen. Es war ja schon gefährlich genug, was wir trieben.

Gegenwart

Seit Beginn dieses Sommers bin ich immer wieder als Helfer bei einer Feuerwerksfirma unterwegs.

So ein Feuerwerk läuft meistens so: Man trifft sich unter der Woche in  einer Halle auf dem Firmengelände und bereitet die Feuerwerksstücke vor. Das sind immer Feuerwerksbatterien, und oft Bomben, Vulkane, Bengalos, Strobos, Feuertöpfe und ab und an Lichterbilder. Übrigens nie Raketen. Das, was bei den Feuerwerken so schön hoch fliegt, sind die Bomben. Die werden so ähnlich wie Gewehrkugeln aus speziellen Rohren abgefeuert.

Die Vorbereitungsarbeiten sind zum Beispiel, die ganzen Zündschnüre der Batterien durch Elektrozünder zu ersetzen.

Wir brauchen dabei massenweise breites Tesaband, damit alle Kabel gut isoliert und zugentlastet sind. Die sogenannten Bomben sind mit Feuerwerkssatz, Leuchtsternen zum Beispiel, gefüllte Papierkugeln, die an der Unterseite einen zylindrischen Papierbehälter haben. Da drin befindet sich eine Ladung, die die Papierkugel aus dem Rohr befördert. Meistens fliegt so eine Kugel mehr als hundert Meter hoch und befördert eine Effektmenge, die eine Rakete nicht so effektiv befördern könnte.  Dazu müsste nämlich die Rakete sehr groß sein. An den Bomben hängen rote Papierschläuche, die einen extrem schnellen Feuerwerkssatz enthalten. Diese Papierschläuche heißen Stoppinen  und geben beim Feuerwerk die Zündflamme an die Treibladungen der Bomben weiter. Es wäre eine ganz blöde Idee, so eine Stoppine direkt von Hand zu zünden, weil in diesem Fall die Bombe sofort unkontrolliert losfliegen würde.  In der Praxis würe dann die Bombe eher am Boden explodieren und deren Leuchsterne mehr als hundert Meter weit in die Gegend fliegen. Eine Stoppine ist nicht mit einer Zündschnur zu verwechseln. Das wäre lebensgefährlich, denn man braucht aus gutem Grund einen angemessenen Sicherheitsabstand zur Bombe. Wir verwenden deshalb eine elektrische Funkzündanlage, die mehr als hundert Meter Reichweite hat. Die Funkzündanlage steckt in einem handlichen Aluminiumkoffer und ist sehr leistungsfähig. Sie kann zum Beispiel mittels eines eingebauten Spezialcomputers die Feuerwerksstücke super präzise nach einem vorher festgelegten Zeitplan zünden. Dieser Zeitplan heißt bei uns Feuerwerkern Skript und wird zusätzlich auch auf Papier als Liste ausgedruckt. So können wir beim Aufbau des Feuerwerkes jederzeit genau nachlesen, welche Feuerwerksstücke wann genau zünden sollen. Der Zündcomputer arbeitet auch gut mit einem eventuell beim Feuerwerk gewünschtem Musikstück zusammen.

Hierzu schließen wir einen kleinen sogenannten Audioempfänger an eine Lautsprecheranlage. Der Empfänger startet automatisch zusammen mit unserem Feuerwerk, wenn wir loslegen und spielt die Musik ab.

 

 

Zum Vorbereiten des Feuerwerkes gehört es auch, die bearbeiteten Feuerwerksgegenstände in gekennzeichnete Kartons zu packen und diese zuzukleben.

Am Tag des Feuerwerks packen wir dann die Kartons, die Funkzündanlage nebst Feuerlöschern und einigen Hilfsmitteln in einen Transporter und ab geht die Fahrt. Man sollte stabile Arbeitsschuhe anhaben, Arbeitshandschuhe mitnehmen, sowie einen Seitenschneider zum Abschneiden von Drähten und unbedingt eine Kopflampe.

Normal ist es, dass so ein Arbeitstag gerne mal 18 Stunden dauert.

Obwohl man nicht die ganze Zeit stramm durcharbeitet, sind die Gedanken die meiste Zeit über beim Feuerwerk. Nicht zu vergessen, Abends nach dem Abbrennen muss man ja auch noch aufräumen, den Abbrennplatz reinigen und Nachts die Ausrüstung und den Feuerwerksmüll auf dem Firmengelände ausladen und eventuell auch noch den ausgeliehenen Miettransporter zurück zum Verleiher bringen. Ist man dann endlich wieder zu Hause, braucht man dringend eine ausgiebige Dusche und wird auch immer hungrig und hundemüde sein. Und wenn man alles gut gemacht hat, ist man auch ein bisschen glücklich.

Ich als Feuerwerksazubi habe in den vergangenen Sommermonaten an mittlerweile vielen Feuerwerken als Helfer teil genommen.

Mein vorläufiger Gesamteindruck:

 

Hat man erst mal alles aufgebaut, fängt der Teil der Veranstaltung an, den ich liebe. Der Himmel strahlt dann und es riecht nach Silvester. Ich fühle mich dann so gut, dass ich nichts anderes tun will.

Bei größeren Veranstaltungen allerdings werde ich regelmäßig vom Cheffeuerwerker angeschnauzt, weil ich irgendwas falsch verstanden habe. Mich erinnern solche Zusammenschisse an meine Armeezeit. Feuerwerken ist eine oft stressige und durchaus auch lebensgefährliche Angelegenheit. Ich gehöre aber zu den sehr nervösen Menschen, die sich nicht gern anschreien lassen. Möglicherweise bin ich für die Berufsfeuerwerkerei unter Zeitdruck nicht geeignet.

 Andererseits ist aufgeben schon lange nicht mehr mein Ding.

Ich mache erst mal weiter in der Firma und sehe zu, dort möglichst viel mit zu helfen und etwas dazu zu lernen.

Außerdem sind unter den Feuerwerkern einige sehr interessante Leute, die sehr viel wissen und sehr viel können. Zum Beispiel habe ich mit jemandem zusammen gearbeitet, der vom Beruf Chemielehrer ist,, aber auch Künstler. Vor einer Weile hat er mal eine Performance gemacht, auf der er Farbbeutel in die Luft gesprengt hat, um Bilder zu erzeugen.

Die Bilder hat er anschließend verkauft.

Solche Leute wollte ich schon immer mal persönlich treffen.

 

 

Vor ein paar Tagen haben wir in der Firma Herbstputz gemacht.

Beim Aufräumen fand einer der Chefs zwei überzählige Raketensortimente von Nico und hat sie mir geschenkt.

So macht das doch Spaß.

Kommenden Silvester werden wir Feuerwerk in Berlin machen.

Das ist  auf dem Dach der Kulturbrauerei. Da heißt es warm anziehen oder schnell arbeiten, sonst friert man den ganzen Tag.

Na ich entscheide mich noch für eine Variante.